Antimachiavel/Kapitel 1

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 1 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

Antimachiavel, Kapitel 1, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Wer in der Welt zu klarer Einsicht gelangen will, muss zuerst die Natur des Gegenstandes, über den er sprechen will, ergründen und auf den Ursprung der Dinge zurückgreifen, um die ersten Prinzipien, so gut es geht, zu erkennen. Dann ist es leicht, die Fortschritte und alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben können, herzuleiten. Anstatt hervorzuheben, was die Staaten, in denen Fürsten regieren, unterscheidet, hätte Machiavelli, wie mir scheint, besser daran getan, den Ursprung der Fürsten zu untersuchen und zu fragen, woher die Macht kommt, über die sie verfügen, und die Gründe zu erörtern, die freie Menschen dazu bringen konnte, sich Herren zu geben.

Es wäre vielleicht nicht angebracht gewesen, in einem Buch, in dem man es sich vornahm, das Verbrechen und die Tyrannei zum Dogma zu erheben, das zu erwähnen, was sie für immer hätte zerstören sollen. Und es würde Machiavelli übel angestanden haben, wenn er gesagt hätte, daß die Völker es um ihrer Ruhe und Selbsterhaltung willen für notwendig erachteten, Richter zu haben, die ihre Streitigkeiten schlichten, Beschützer, die ihren Besitz vor dem Zugriff ihrer Feinde sichern, und Herrscher, die all ihre verschiedenen Interessen zu einem einzigen gemeinsamen Interesse zusammenfügen, und daß sie aus ihren Reihen diejenigen auserkoren hatten, die sie für die Klügsten, Gerechtesten, Uneigennützigsten, Menschlichsten, Tapfersten hielten, um sie zu regieren und um die drückende Last all ihrer Angelegenheiten auf sich zu nehmen.

Die Gerechtigkeit, hätte man dann gesagt, muss also das wichtigste Anliegen eines Herrschers sein, das Wohl der von ihm regierten Völker muß er also jedem anderen Interesse vorziehen, ihr Glück, ihr Wohlergehen muss er mehren oder es ihnen verschaffen, wenn sie es vermissen. Was wird dann aber aus den Vorstellungen von Eignenutz, Größe, Ehrgeiz und Despotismus? Es läuft darauf hinaus, daß der Herrscher, weit davon entfernt, der unumschränkte Gebieter der Völker zu sein, die unter seiner Herrschaft stehen, selber nur deren erster Diener ist und daß er das Werkzeug ihres Wohlergehens sein soll, wie jene Völker das Werkzeug seines Ruhmes sind. Machiavelli spürte wohl, daß ihm ein solches Detail Spott und Hohn eingebracht und eine entsprechende Untersuchung die Zahl der kläglichen Widersprüche, die sich in seiner Staatslehre befinden, nur noch vergrößert hätte.

Machiavellis Maximen stehen in einem ähnlichen Widerspruch zur guten Morallehre wie das System Descartes‘ zu dem von Newton. Bei Machiavell bewirkt das Interesse alles, wie die Wirbel bei Descartes. Die Moral des Politikers ist ebenso verderbt, wie die Ideen des Philosophen oberflächlich sind. Nichts kommt der Unverfrorenheit gleich, mit der dieser abscheuliche Staatslehrer die grausamsten Verbrechen lehrt. Es entspricht seiner Denkweise, daß die ungerechtesten und schrecklichsten Taten legitim werden, wenn ihr Zweck Eigennutz oder Ehrgeiz ist. Die Untertanen sind Sklaven, deren Leben und Tod uneingeschränkt vom Willen des Fürsten abhängt, fast so wie die Schafe einer Herde, deren Milch und deren Wolle dem Nutzen ihrer Meisters dienen, der sie sogar schlachten lässt, wenn es ihm paßt.

Da ich mir vorgenommen habe, diese irrigen und schädlichen Grundsätze Schritt für Schritt zu widerlegen, behalte ich es mir vor, an entsprechender Stelle und so darüber zu sprechen, wie es mir das Thema eines jeden Kapitels vorgibt.

Generell muß ich jedoch sagen, daß das, was ich über den Ursprung der Herrscher dargelegt habe, das Handeln der Usurpatoren noch furchtbarer macht, als wenn man nur ihre Gewalttätigkeit als solche im Blick hat, denn sie handeln vollständig gegen die Absicht der Völker, die sich Herrscher gegeben haben, damit diese ihnen Schutz bieten, und die sich ihnen nur unter dieser Bedingung unterworfen haben. Leisten sie stattdessen einem Usurpator Gehorsam, dann opfern sie sich mit all ihrem Hab und Gut, um die Gier und die Laune eines oft äußerst gausamen und immer verabscheuten Tyrannen zu befriedigen. Es gibt also nur drei legitime Wege, Herr eines Landes zu werden: durch Erbfolge, durch Wahl der Völker, die dazu berechtigt sind, oder wenn man durch einen rechtmäßig geführten Krieg dem Feind die eine oder andere Provinz abringt.

Ich bitte den Leser, diese Anmerkungen zum ersten Kapitel Machiavellis nicht zu vegessen, denn sie sind gleichsam der Angelpunkt, um den sich alle meine folgenden Betrachtungen drehen werden.

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s