Antimachiavel/Kapitel 2

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 2 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

Antimachiavel/Kapitel 2 von Friedrich dem Großen, König von Preußen, Förderer der Aufklärung

Sei es, wir vermuten bei den Toten mehr Weisheit als bei den Lebenden, sei es, wir lieben, was schon seit langer Zeit besteht, da es uns der Ewigkeit näher zu bringen scheint, oder wir bilden uns ein, die Dinge, die uns überliefert wurden, hätten nicht so lange Bestand, wenn man sie nicht in allen Jahrhunderten für gut befunden hätte. Im Allgemeinen bringen wir dem Altertum sicherlich so viel Bewunderung entgegen, das wir Gewissensbisse bekämen, wenn wir missbilligten, was uns von ihm überliefert wurde, oder zerstörten, was die Zeit noch nicht zugrunde gerichtet hat.

Darin liegt zum Teil der Grund dafür, daß erbliche Staaten leichter zu regieren sind als andere, vorausgesetzt, der Herrscher hütet sich, wie es bei Machiavelli heißt, die eingeführte Regierungsform unvermittelt und auf einen Schlag zu erneuern.

Wahlkönigreiche oder neu eroberte Länder haben nicht die Ausdauer, ihre Herrscher zu respektieren. In den erblichen Staaten gehen Treue und Ehrfurcht jedoch wie ein Teil des Erbes vom Vater auf den Sohn über, und man verehrt im regierenden Fürsten die Tugenden all seiner Vorfahren. Der Einfluss der Sitten und Gebräuche auf den menschlichen Geist ist so mächtig, daß er viel zur Ruhe der erblichen Staaten beiträgt. Was kann die Gewohnheit nicht alles im Denken der Menschen bewirken! Sie lässt einen Russen sein Geburtsland, einen Lappen seinen Schnee und seinen Raureif vermissen; sie macht die Völker der Regierungsform zugeneigt, die, ob gut oder schlecht, in ihrem Land üblich ist. Oder sie denken, weil sie sich ein ziemlich seltsames Vorurteil zu eigen machen, daß die Gesetze ihrer Väter, ihr Stand und die Lebensweise in ihrem Vaterland so sein müssten wie sie sind, und daß all dies sogar eine Vorschrift sei, die auch ihre Nachbarn befolgen sollten, um nicht töricht zu sein oder sich lächerlich zu machen. Oder sie fürchten, eine erträgliche Lage gegen einen volkommen hoffnungslosen Zustand einzutauschen. Und diese Furcht bringt sie dazu, das Joch, an das sie sich gewöhnt haben, einem fremden und viel härteren vorzuziehen.

Kurz gesagt, eine gute monarchische Regierungsform ist die beste aller Regierungsformen, den wenn der Fürst gut ist, kann er seinen Untertanen unendlich viel Gutes tun, während es in einer Republik des Wettstreits einer endlosen Vielfalt an Willensäußerungen bedarf, bis etwas Lobenswertes zu erwarten ist. Also besteht das wahre Interesse eines Fürsten darin, gut zu sein, denn er wird sich als Herr seiner Völker angesichts der Liebe, die sie ihm entgegenbringen, besser behaupten können als durch die Furcht, die er ihnen einflößen kann. Und seine Tugenden werden dann auch sein Interesse mit dem seiner Völker untrennbar verknüpfen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s