Antimachiavel/Kapitel 4

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 4 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 4, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Um den Geist der Nationen richtig beurteilen zu können, braucht man sie nur miteinander zu vergleichen. Machiavelli unternimmt in diesem Kapitel einen Vergleich zwischen den Türken und den Franzosen, die sich in Sitten, Gebräuchen und Meinungen außerordentlich unterscheiden. Er untersucht die Ursachen dafür, dass das Reich der Erstgenannten nur schwer zu erobern, aber leicht zu erhalten wäre. Desgleichen erläutert er, weshalb Frankreich mühelos zu unterwerfen wäre und dann aber den Besitzer durch fortwährende Unruhen im Land nicht zur Ruhe kommen ließe.

Der Autor betrachtet die Dinge nur von einem Gesichtspunkt aus und beschäftigt sich lediglich mit der Verfassung der Regierungen. Er glaubt, so scheint es, die Macht des türkischen und persischen Reiches beruhe nur auf der allgemeinen Versklavung dieser Nationen und der alleinigen Erhebung eines einzigen Mannes, der ihr Oberhaupt ist. Er ist der Meinung, ein uneingeschränkter, fest etablierter Despotismus sei das sicherste Mittel für einen Fürsten, um ungestört herrschen und seinen Feinden kraftvoll widerstehen zu können.

Zu Machiavellis Zeiten betrachtete man in Frankreich den Hochadel und die Edelleute noch als kleine Herrscher, die an der Macht der Fürsten gewissermaßen Anteil hatten. Das führte zu Spaltungen, stärkte die Parteien und gab häufig Anlass zu Revolten. Ich weiß freilich nicht, ob der Großsultan nicht eher Gefahr läuft, vom Thron gestoßen zu werden, als ein König von Frankreich. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass ein türkischer Kaiser gewöhnlich von Janitscharen erwürgt wird, während die Könige von Frankreich, die umgekommen sind, gewohntermaßen von Mönchen ermordet wurden. Doch Machiavelli spricht in diesem Kapitel eher von Umwälzungen im Allgemeinen als von Einzelfällen und macht in der Tat einige Triebfedern einer sehr komplexen Maschine ausfindig. Er hat jedoch nur als Mann der Politik gesprochen. Sehen wir, was man als Philosoph hinzufügen könnte.

Die Verschiedenheit des Klimas, der Nahrung und Erziehung der Menschen verursacht eine gänzliche Verschiedenheit in ihrem Lebensstil und in ihrer Denkweise. Das bewirkt, dass ein Wilder aus Amerika ganz anders handelt als ein gelehrter Chinese, dass das Temperament eines Engländers, tiefsinnig wie Seneca, aber hypochondrisch, sich gründlich vom Mut und dem lächerlich dummen Stolz eines Spaniers unterscheidet, und dass sich zwischen einem Franzosen und einem Holländer so wenig Ähnlichkeiten auffinden lassen wie zwischen der Lebhaftigkeit eines Affen und dem Phlegma einer Schildkröte.

Von jeher wurde bemerkt, dass der Geist der orientalischen Völker durch Beharrlichkeit in der Bewahrung ihrer Sitten und alten Gebräuche, die sie niemals aufgeben, gekennzeichnet ist. Ihre Religion, die sich von der der Europäer unterscheidet, verpflichtet sie darüber hinaus, niemals eine Unternehmung von sogenannten Ungläubigen zum Nachteil ihrer Herren zu begünstigen und sorgfältig alles zu vermeiden, was ihrer Religion schaden und ihre Regierung umstürzen könnte. Auf diese Weise sichert die Sinnlichkeit ihrer Religion und die Unwissenheit, die sie zum Teil so unverrückbar an ihren Sitten und Gebräuchen festhalten lässt, den Thron ihrer Herren gegen den Ehrgeiz der Eroberer; und ihre Denkweise trägt mehr als ihre Regierungsform zur Dauer ihrer mächtigen Monarchie bei.

Der Geist der französischen Nation, der sich vom Geist der Muslime völlig unterscheidet, ist immer gänzlich oder wengistens zum Teil Ursache der häufigen Umwälzungen in diesem Königreich. Leichtsinn und Unbeständigkeit haben den Charakter dieser liebenswürdigen Nation von jeher ausgemacht: Die Franzosen sind unruhig, sie sind Freigeister und sie langweilen sich schnell, wenn ihnen etwas nicht mehr als Neuheit gilt; ihre Liebe zur Veränderung hat sich sogar in den ernstesten Dingen geäußert. Wie es scheint, machten sich jene von den Franzosen gehassten und zugleich geachteten Kardinäle, die nacheinander die Regierung dieses Königreichs geleitet haben, die Grundsätze Machiavellis bei der Unterwerfung der großen Herren zu eigen; andererseits waren ihnen die Kenntnisse vom Geiste der Nation beim Abwehren der häufigen Stürme nützlich, die dem Thron der Herrscher durch den Leichtsinn der Untertanen unaufhörlich drohten.

Die Politik des Kardinals Richelieu verfolgte nur das Ziel, die großen Herren zu erniedrigen, um die Macht des Königs zu erhöhen und zur Grundlage des Despotismus zu machen. Das gelang ihm so vortrefflich, dass es gegenwärtig in Frankreich keine Spuren mehr von der einstigen Macht des Adels und jenen Standesvorrechten gibt, die nach Ansicht der Könige vom Hochadel des Öfteren missbraucht wurden.

Kardinal Mazarin trat in die Fußstapfen Richelieus. Er traf auf großen Widerstand, drang aber durch und raubte dem Parlament überdies seine alten Vorrechte, so dass diese ehrwürdige Körperschaft derzeit nur noch ein Schatten einer traditionsreichen Autorität und zu einem Phantom geworden ist, das sich zuweilen noch einbildet, es könnte sehr wohl eine Körperschaft sein, das man gewöhnlich aber dazu bringt, seinen Irrtum zu bereuen.

Die gleiche Politik, die diese beiden großen Staatsmänner zur Errichtung eines unbeschränkten Despotismus in Frankreich führte, lehrte sie auch die Kunst, den Leichtsinn und die Unbeständigkeit der Nation auf angenehme Weise zu beschäftigen, mit dem Ziel, ihre Gefährlichkeit zu mindern. Tausend Nichtigkeiten, Tändeleien und Vergnügungen lenkten den Geist der Franzosen von wichtigeren Dingen ab, und siehe da: Dieselben Menschen, die sich gegen Caesar erhoben, unter den Valois Fremde zu ihrer Hilfe ins Land gerufen, sich gegen Heinrich IV. verbündet und während der Minderjährigkeitsregierung Verschwörungen angezettelt hätten, eben diese Franzosen, sage ich, sind in unseren Tagen nur damit beschäftigt, der neuesten Mode hinterherzulaufen, mit äußerster Sorgfalt die Geschmacksrichtung zu ändern, heute zu verachten, was sie gestern bewunderten, Wankelmut und Leichtsinn in allem, was sie betrifft, an den Tag zu legen, und die Geliebte, den Aufenthaltsort, die Vergnügungen, die Gefühle und die Torheiten zu wechseln. Dies ist nicht alles, denn mächtige Armeen und zahlreiche Festungen sichern seinen Herrschern auf immer den Besitz dieses Königreiches, sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten, weder von Bürgerkriegen, noch von eventuellen Eroberungen ihrer Nachbarn.

Es ist anzunehmen, dass die französische Regierung, nachdem sie mit einigen Maximen Machiavellis so gut gefahren ist, auf diesem schönen Wege nicht stehen bleiben und es nicht versäumen wird, alle Lehren dieses Politikers in die Tat umzusetzen. Am Erfolg braucht man nicht zu zweifeln, angesichts der Klugheit und Geschicklichkeit des Ministers, der zur Zeit am Ruder ist. Doch hören wir lieber auf, damit wir, wie der Pfarrer von Colignac zu sagen pflegte, keine Dummheiten von uns geben.

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