Antimachiavel/Kapitel 5

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 5 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 5, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Der Mensch ist ein vernünftiges, ungefiedertes, zweibeiniges Lebewesen; so jedenfalls hat die Schulphilosophie unsere Art bestimmt. Diese Definition mag bei manchen Individuen zutreffend sein, für die große Mehrheit aber ist sie grundfalsch, denn nur wenige Menschen sind vernünftig, und selbst wenn sie es in einem Falle sind, so gibt es zahllose andere Fälle, bei denen genau das Gegenteil richtig ist. Vielleicht könnte man sagen: Der Mensch ist ein Lebewesen, das Ideen entwickelt und kombiniert. Das gilt generell für die gesamte Gattung und verbindet den Weisen mit dem Toren, den Menschen, der gute Gedanken hat, mit dem, der Schlechtes denkt, den Freund der Menschheit mit dem, der sie verfolgt, den ehrwürdigen Erzbischof von Cambrai (i. e. François de Salignac de La Mothe-Fénelon)mit dem niederträchtigen Politiker aus Florenz (i. e. Machiavelli).

Hat Machiavelli jemals auf die Vernunft verzichtet und etwas gedacht, was seiner unwürdig war, dann in diesem Kapitel. Hier schlägt er dem Fürsten drei Mittel vor, wie ein eroberter, freier und republikanischer Staat zu behaupten sei.

Das erste Mittel bietet dem Fürsten gar keine Sicherheit, auf das zweite könnte höchstens ein Irrsinniger verfallen, und das dritte, nicht ganz so schlecht wie die beiden anderen, ist auch nicht ohne Schwierigkeiten.

Warum sollte diese Republik überhaupt erobert, warum das ganze Menschengeschlecht in Ketten gelegt und freie Menschen in die Sklaverei getrieben werden? Nur um der ganzen Welt Ihre Ungerechtigkeit und Bosheit vorzuführen, nur um eine Macht, die für das Glück der Bürger da sein sollte, ihrem Eigennutz zu unterwerfen? Was für abscheuliche Grundsätze! Sie könnten die ganze Welt zerstören, wenn sie viele Parteigänger fänden. Ein jeder kann mit ansehen, wie Machiavelli gegen die guten Sitten verstößt; sehen wir jetzt, wie er sich am gesunden Menschenverstand und an der Klugheit versündigt.

„Mann muß sich einen neu eroberten freien Staat untertan machen, indem man eine kleine Anzahl von Leuten als Obrigkeit einsetzt, die ihn Euch behaupten.“ So lautet die erste Maxime des Staatslehrers, mit der ein Fürst niemals irgendeine Sicherheit hätte, denn es ist nicht ersichtlich, wie eine Republik, die nur von wenigen, dem neuen Herrscher verpflichteten Personen im Zaume gehalten wird, ihm treu bliebe. Naturgemäß muß sie die Freiheit der Sklaverei vorziehen und und dazu neigen, sich der Macht des Fürsten, der sie sich untertan gemacht hat, zu entziehen; der Aufruhr würde dann nicht länger als bis zur erstbesten Gelegenheit auf sich warten lassen.

„Es gibt kein zuverlässigeres Mittel, einen freien Staat, den man erobert hat, zu behaupten, als ihn zu zerstören.“ Dies ist das sicherste Mittel, keinen Aufruhr befürchten zu müssen. Vor einigen Jahren beging ein Engländer in London die Torheit, sich umzubringen. Auf seinem Tisch fand man einen Zettel, auf dem er seine seltsame Tat damit rechtfertigte, er habe sich das Leben genommen, um niemals krank zu werden.  Ich weiß nicht, ob das Heilmittel nicht schlimmer war als das Leiden. Mit einem Ungeheurer wie Machiavelli rede ich nicht über Menschlichkeit; denn das hieße, den ehrwürdigen Namen einer Tugend, die das Wohlergehen der Menschheit bewirkt, zu entweihen. Ohne die Religion oder die Moral zu bemühen, kann man Machiavelli mit seinen eigenen Argumenten widerlegen, nämlich mit jenem Eigennutz, der die Seele seines Buches (i. e. „Der Fürst“) ist, der Abgott seiner Politik und des Verbrechens, der einzige Gott, den er anbetet.

Sie sagen, Machiavelli, ein Fürst müsse ein freies Land, das er erobert hat, zerstören, um es desto sicherer zu besitzen? Aber antworten Sie mir: Zu welchem Ende hat er diese Eroberung unternommen? Sie werden sagen: Um seine Macht zu vergrößern und noch mehr Furcht einflößen zu können. Das wollte ich hören, um Ihnen zu beweisen, dass er, sobald er Ihre Grundsätze befolgt, genau das Gegenteil erreicht; denn bei dieser Eroberung richtet er sich zugrunde und zerstört dann das einzige Land, das ihn für seine Verluste entschädigen könnte. Sie werden doch zugeben, dass ein verwüstetes und ausgeplündertes Land, das seiner Einwohner, des gesellschaftlichen Lebens, der Städte, mit einem Wort: alles dessen, was einen Staat ausmacht, verlustig gegangen ist, einen Fürsten, der es besitzt, weder gefürchteter noch mächtiger machen kann. Ich glaube, ein Monarch, der die weiten Wüsten von Libyen und Barka besäße, wäre kaum zu fürchten, und eine Million Panther, Löwen oder Krokodile ist nichts gegen eine Million Untertanen, gegen reiche Städte, gegen schiffbare und mit Schiffen angefüllte Häfen, fleißige Bürger, Truppen, und all das, was ein gut bevölkertes Land hervorbringt. Alle sind sich einig, dass die Macht eines Staates nicht in der Ausdehnung seiner Grenzen besteht, sondern in der Zahl seiner Einwohner. Man vergleiche Holland mit Russland. Dort findet man einige sumpfige und unfruchtbare Inseln, die sich mitten aus dem Ozean erheben, eine kleine Republik, deren Gebiet achtundvierzig Meilen in der Länge und vierzig in der Breite misst. Aber dieser kleine Staatskörper ist ganz Nerv, überaus dicht besiedelt und dieses fleißige Volk ausgesprochen mächtig und sehr reich; es hat das Joch der spanischen Herrschaft, die einst die gefürchtetste Monarchie Europas war, abgeschüttelt. Der Handel dieser Republik erstreckt sich bis in die entlegensten Winkel der Welt; ihre Stellung ist gleich hinter jener der Könige; in Kriegszeiten kann diese Republik eine Armee von hunderttausend Mann unterhalten, ihre starke und gut ausgerüstete Flotte nicht mitgerechnet.

Man werfe nun andererseits eine Blick auf Russland: Hier zeigt sich uns ein unermessliches Land, eine  Welt, die dem Universum gleicht, als es sich aus dem Chaos löste. Dieses Land grenzt auf der einen Seite an die Große Tatarei und an Indien, auf der anderen an das Schwarze Meer und Ungarn, auf der europäischen Seite reichen seine Grenzen bis nach Polen, Litauen und Kurland; im Norden grenzt es an  Schweden. Russland kann gut dreihundert deutsche Meilen in der Breite und dreihundert in der Länge haben; das Land ist reich an Getreide und bringt, insbesondere in der Umgebung von Moskau und in der Kleinen Tatarei, alle lebensnotwendigen Nahrungsmittel hervor. Bei all diesen Vorzügen zählt es jedoch höchstens fünfzehn Millionen Einwohner. Diese einst barbarische Nation, die jetzt in Europa eine Rolle zu spielen beginnt, ist hinsichtlich seiner Truppen zu Wasser und zu Lande kaum mächtiger als Holland und ihm an Reichtum und Hilfsquellen weit unterlegen.

Die Stärke eines Staates besteht also nicht in der Ausdehnung seiner Grenzen, nicht im Besitz einer weiten Einöde oder einer unermesslichen Wüste, sondern im Reichtum seiner Bewohner und in ihrer Anzahl. Darum liegt es im Interesse eines Fürsten, sein Land zu bevölkern und es zur Blüte zu bringen, nicht aber es zu verwüsten und zu zerstören. Empfindet man angesichts der Bosheit Machiavellis Entsetzen, so können einem seine Gedanken leid tun. Er hätte besser daran getan, vernünftig denken zu lernen, als seine ungeheuerliche Staatskunst zu lehren.

„Ein Fürst soll seine Residenz in eine neu eroberte Republik verlegen.“ So lautet die dritte Maxime des Autors. Sie ist gemäßigter als die anderen; aber im dritten Kapitel habe ich gezeigt, welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben können.

Meines Erachtens sollte sich ein Fürst, der eine Republik erobert und gerechte Gründe gehabt hätte, Krieg gegen sie zu führen, damit begnügen, sie bestraft zu haben, und ihr dann ihre Freiheit zurückgeben. Freilich würden nur wenige so denken. Wer eine andere Meinung vertritt, könnte sich seinen Besitz dadurch sichern, dass er an den wichtigsten Plätzen seiner neuene Eroberung starke Garnisonen einrichtet und im Übrigen das Volk seine ganze Freiheit genießen lässt.

Wie töricht wir sind! Wir wollen alles erobern, als hätten wir die Zeit, alles zu besitzen, als hätte die Dauer unseres Daseins keine Ende. Unsere Zeit vergeht zu schnell, und oft glaubt man, für sich selbst zu arbeiten, und arbeitet doch nur für unwürdige oder undankbare Nachfolger.

 

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