Antimachiavel/Kapitel 6

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 6 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 6, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Hätten die Menschen keine Leidenschaften, wäre es Machiavelli zu verzeihen, wollte er ihnen welche geben, wie ein zweiter Prometheus, der das himmlische Feuer raubt, um gefühllose Automaten zu beleben, die nicht fähig sind, etwas zum Wohle des Menschengeschlechts beizutragen. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch ganz anders, denn kein Mensch ist ohne Leidenschaften. Solange sie in ihren Grenzen bleiben, tragen alle zum Glück der Gesellschaft bei; lässt man ihnen aber freien Lauf, werden sie schädlich und oft sogar äußerst zerstörerisch.

Von allen Regungen, die unsere Seele tyrannisieren, ist keine für jene, die ihren Antrieb fühlen, verhängnisvoller, keine der Menschlichkeit entgegengesetzter und der Ruhe der Welt schädlicher als unbändiger Ehrgeiz und maßlose Begierde nach falschem Ruhm.

Hat ein Privatmann das Unglück, mit solchen Neigungen geboren zu sein, dann ist er weniger ein Narr als vielmehr ein armer Teufel. Er hat kein Gespür für die Gegenwart und existiert nur in der Zukunft; seine Einbildungskraft liefert ihm ohne Unterlass unklare Zukunftsvorstellungen. Da seine verhängnisvolle Leidenschaft keine Grenzen kennt, kann ihn nichts auf der Welt zufrieden stellen, und stets würzt der Ehrgeiz all seine Freuden mit bitterem Wermut.

Ein ehrsüchtiger Fürst ist aber wenigstens so unglücklich wie ein Privatmann, denn sein Wahn wird, da er mit seiner Größe im Verhältnis steht, nur noch unbestimmter, unbelehrbarer, unersättlicher. Leben die Leidenschaften der Privatpersonen von Glanz und Ehren, so nähren Provinzen und Königreiche den Ehrgeiz der Monarchen; und da es leichter ist, Ämter und Stellen zu erhalten als Königreiche zu erobern, können die Privatpersonen ihre Leidenschaften eher befriedigen als die Fürsten.

Wie viele jener unruhigen und unsteten Geister trifft man nicht in unserer Welt, deren ungestümer Wunsch, sich zu vergrößern, die ganze Erde umwälzen möchte, und bei denen die Liebe zu einem falschen und eitlen Ruhm nur allzu tiefe Wurzeln geschlagen hat! Das sind Brandfackeln, die sorgfältig gelöscht werden sollten und die man aus Furcht vor einer Feurersbrunst keinesfalls anfachen sollte. Die Grundsätze Machiavellis sind für sie umso gefährlicher, als sie ihren Leidenschaften schmeicheln und sie auf Gedanken bringen, die sie vielleicht ohne seine Hilfe nicht aus dem eigenen Inneren geschöpft hätten.

Machiavelli stellt ihnen die Beispiele eines Moses, Cyrus, Romolus, Theseus und Hieron vor. Man könnte diese Liste leicht noch um die Namen einiger Sektengründer wie Mohammed und William Penn erweitern. Und die Herren Jesuiten in Paraguay mögen mir erlauben, ihnen hier einen kleinen Platz anzubieten, der für sie nur ehrenvoll sein kann, stellt er sie doch in eine Reihe mit den Helden.

Die Unredlichkeit, mit der der Autor diese Beispiele behandelt, verdient eine Anmerkung; es ist gut, alle Schliche und Listen dieses niederträchtigen Verführers aufzudecken.

Ein redlicher Mensch darf die Dinge nicht ausschließlich unter einem einzigen Gesichtspunkt darstellen; er muss alle Seiten aufzeigen, damit dem Leser die Wahrheit durch nichts verschleiert werde, selbst wenn diese Wahrheit den Grundsätzen des Verfassers widerspräche. Machiavelli hingegen zeigt den Ehrgeiz nur von seiner guten Seite, wie ein geschminktes Gesicht, das er nur am Abend bei Kerzenlicht sehen lässt und das er sorgfältig vor den Sonnenstrahlen verbirgt. Er spricht nur von den Ehrgeizigen, die das Glück auf ihrer Seite hatten, hüllt sich aber in tiefes Schweigen im Hinblick auf alle, die Opfer ihrer Leidenschaft geworden sind, ungefähr so, wie es in den Nonnenklöstern üblich ist, wo man die jungen Mädchen bei ihrer Aufnahme alle Süßigkeiten des Himmels im Voraus kosten läßt, ihnen aber nichts von der bitteren Pein sagt, die man auf dieser Welt für sie bereit hält. Das heißt, die Gesellschaft hinters Licht führen und das Publikum täuschen wollen. Man wird nicht leugnen können, dass Machiavelli in diesem Kapitel die elende Rolle eines Marktschreiers des Verbrechens spielt.

Wenn Machiavelli vom Führer, Fürsten und Gesetzgeber der Juden spricht, vom Befreier der Griechen, vom Eroberer der Meder, vom Gründer Roms, deren Vorhaben mit Erfolg gekrönt wurden, warum fügt er dann nicht auch das Beispiel einiger glückloser Anführer hinu, um zu zeigen, dass der Ehrgeiz zwar einige wenige emporkommen läßt, die Mehrzahl aber ins Verderben stürzt? So könnte man dem Glück Moses‘ das Unglück jener ersten gotischen Völker gegenüberstellen, die das Römische Reich verheerten, dem Erfolg von Romolus den Misserfolg des Masaniellos, des neapolitanischen Schlächters, den seine Verwegenheit bis zur Königwürde emporhob und der dann aber das Opfer seines Verbrechens wurde, dem gekrönten Ehrgeiz des Hieron den bestraften Ehrgeiz Wallensteins; und neben den blutigen Thron Cromwells, der seinen König ermordete, könnte man die Entthronung des stolzen Guisen, der in Blois ermordet wurde, setzen. So käme das Gegengift, unmittelbar nach dem Gift verabreicht, der gefährlichen Wirkung des Gifts zuvor, wie die Lanze des Achilles, die verwundet aber auch heilt.

Ich habe im Übrigen den Eindruck, Machiavelli stellt recht unüberlegt Moses neben Romolus, Cyrus und Theseus. Entweder war Moses inspiriert oder er war es nicht. War er es nicht, so kann man ihn nur als einen Erzschurken, Gauner und Betrüger betrachten, der sich Gottes bediente wie ein Dichter des Deus ex machina, der den Knoten lösen muss, wenn der Autor keine Ausweg weiss. Moses war im Übrigen so ungeschickt, dass er vierzig Jahre lang das jüdische Volk auf einem Wege herumführte, den es bequem in sechs Wochen hätte zurücklegen können.  Aus den Einsichten der Ägypter hatte er sehr wenig Nutzen gezogen und stand diesbezüglich weit unter Romolus, Theseus und den anderen Helden. War Moses aber von Gott erleuchtet, so kann man ihn eben nur als das blinde Werkzeug der göttlichen Allmacht betrachten; dann blieb der Führer der Juden aber weit hinter dem Gründer des römischen Reiches, weit hinter dem persischen König und den griechischen Helden zurück, die durch Tapferkeit und eigene Kraft Größeres vollbrachten als jener mit dem unmittelbaren Beistand Gottes.

Man braucht viel Verstand, Mut und Geschick im Führungsstil, um es den genannten Männern gleichzutun, das gebe ich im Allgemeinen und ohne Vorurteile gerne zu. Ich weiß jedoch nicht, ob man sie als tugendhaft bezeichnen kann. Tapferkeit und Geschicklichkeit finden sich bei Straßenräubern ebenso wie bei Helden; der Unterschied ist nur, dass der Eroberer ein berümter Räuber ist, der durch die Größe seiner Taten Eindruck macht und sich durch seine Macht Respekt verschafft, der gewöhnliche Dieb hingegen nur ein namenloser Spitzbube, den man umso mehr verachtet, je verworfener er ist. Der eine erhält als Belohnung für seine Gewalttaten Lorbeeren, der andere endet am Galgen. So beurteilen wir die Dinge niemals nach ihrem wirklichen Wert, eine Unendlichkeit an Wolken nimmt uns die Sicht, wir bewundern bei den Einen, was wir bei den Anderen tadeln. Ein Übeltäter braucht nur berühmt zu sein, und schon kann er auf den Beifall der meisten Menschen zählen.

Es ist zwar richtig, dass sich bei jeder Neuerung, die man in der Welt einführen will, immer wieder tausend Hindernisse in den Weg stellen werden, und dass darum ein Prophet an der Spitze eines Heeres mehr Jünger gewinnen wird, als wenn er nur mit Argumenten in barbara oder in ferio kämpft (man bedenke: Die christliche Religion war schwach und unterdrückt, solange sie sich nur auf ihre Lehre stützte, und sie breitete sich in Europa erst aus, als man ihretwegen viel Blut vergossen hatte). Ebenso richtig aber ist, dass Lehren und Neuerungen manchmal fast mühelos ihren Weg finden. Wie viele Religionen, wie viele Sekten sind mit unendlicher Leichtigkeit eingeführt worden! Nichts verschafft dem Neuen so leicht Glaubwürdigkeit als der Fanatismus, und mir scheint, als hätte Machiavelli über diesen Gegenstand sehr vorschnell geurteilt.

Ich werde nur noch einige Überlegungen zum Beispiel des Hieron von Syrakus hinzufügen, das Machiavelli jenen anbietet, die sich mithilfe ihrer Freunde und ihrer Truppen erheben wollen.

Hieron trennte sich von seinen Fruenden und Soldaten, die ihm bei der Ausführung seiner Pläne geholfen hatten; er schloss neue Freundschaften und hob neue Truppen aus. Machiavelli und allen Undankbaren zum Trotz behaupte ich, das Hierons Politik eine sehr schlechte Politik war, und dass es weitaus klüger ist, den Truppen, deren Tapferkeit man erpropt, und den Freunden, deren treue man bereits erfahren hat, zu vertrauen als Unbekannten, deren man niemals sicher sein kann. Ich überlasse es dem Leser, diesen Gedankengang weiter auszuführen; all jene, die die Undankbarkeit verabscheuen und das Glück der Freundschaft kennen, werden sich das Übrige leicht denken können.

Indessen muss ich den Leser darauf aufmerksam machen, in welcher Doppeldeutigkeit Machiavelli seine Wörter gebraucht. Man lasse sich nicht täuschen, wenn er sagt: „Ohne Gelegenheit ist Tugend nichts.“ Bei diesem Schurken bedeutet das: Ohne günstige Umstände können Gauner und Abenteurer ihre Talente nicht zeigen. Dies ist die Chiffre des Verbrechens, die allein die Dunkelheiten dieses verächlichen Autors entschlüsseln kann.

Ich habe, um dieses Kapitel abzuschließen, ganz allgemein gesprochen, den Eindruck, dass sich die einzige Gelegenheit, bei der ein Privatmann ohne Verbrechen nach seinem Glück streben kann, dann ergibt, wenn er in einem Wahlkönigreich geboren ist, oder wenn ein unterdrücktes Volk ihn zu seinem Befreier erwählt. Der Höhepunkt des Ruhmes wäre es, einem Volk die Freiheit zu schenken, nachdem man es gerettet hat. Aber zeichnen wir die Menschen nicht nach den Helden Corneilles; begnügen wir uns mit denen Racines, denn auch das ist schon viel.

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