Antimachiavel/Kapitel 8

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 8 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 8, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

 Die Philippiken des Herrn von La Grange gelten in Europa als eine der schonungslosesten Schmähschriften, die jemals verfasst wurden, und nicht zu Unrecht. Doch ist das, was ich gegen Machiavelli einzuwenden habe, heftiger als alles, was Herr von La Grange je gesagt hat, denn sein Werk war eigentlich nur eine Verleumdung des Regenten von Frankreich. Was ich Machiavelli entgegenzuhalten habe, sind Wahrheiten. Um ihn zu widerlegen, bediene ich mich seiner eigenen Worte. Was könnte ich Ungeheuerlicheres über ihn sagen, als dass er politische Regeln aufgestellt hat für Leute, die durch ihre Verbrechen zur Herrschaft gelangen? So lautet die Überschrift des vorliegenden Kapitels.

Wenn Machiavelli in einem Seminar für Schurken Vorträge über das Verbrechen hielte und an einer Universität der Verräter das Dogma der Treulosigkeit lehrte, dann wäre die Behandlung solcher Gegenstände kaum verwunderlich. Er spricht jedoch zu allen Menschen, denn ein Schriftsteller, der sein Werk drucken lässt, teilt sich der ganzen Menschheit mit. Und er wendet sich sogar vorzugsweise an diejenigen unter den Menschen, die besonders tugendhaft sein sollten, weil sie dazu bestimmt sind, über andere zu herrschen. Kann etwas niederträchtiger, kann etwas schamloser sein, als gerade ihnen Lehren zu erteilen über Verrat, Treulosigkeit, Meuchelmord und alle anderen Verbrechen? Zum Besten der Menschheit wäre vielmehr zu wünschen, dass Beispiele wie die des Agathokles und des Oliverotto da Fermo, die Machiavelli mit Vergnügen zitiert, niemals in Erscheinung treten würden, oder dass man wenigstens ihr Andenken für immer aus dem Gedächtnis der Menschen tilgen könnte.

Nichts wirkt verführerischer als das schlechte Beispiel. Die Lebensbeschreibung eines Agathokles oder die eines Oliverotto da Fermo sind geeignet, bei einem Menschen, der instinktiv zum Bösen neigt, diesen gefährlichen Keim, den er, ohne es selbst recht zu wissen, in sich birgt, zu entwickeln. Wie viele junge Leute haben sich nicht beim Lesen von Romanen den Kopf verdrehen lassen, so dass sie nur noch sahen und dachten wie Gandalin und Medor? In der Gedankenwelt gibt es etwas Ansteckendes, wenn ich mich so ausdrücken darf, das sich von Kopf zu Kopf überträgt. So hatte Karl XII., dieser außergewöhnliche Mensch, dieser der alten Ritterwelt so würdige Abenteurerkönig, dieser vagabundierende Held, bei dem alle Tugenden maßlos übertrieben waren und deshalb in Laster umschlugen, von zartester Kindheit an die Lebensbeschreibung Alexanders des Großen bei sich; und viele, die diesen Alexander des Nordens näher kannten, versichern, dass eigenlich Quintus Curtius Polen verwüstet habe, dass Stanislaus nach dem Vorbild von Porus König geworden sie und dass die Schlacht von Arbela die Niederlage von Poltawa veranlsst habe.

Darf ich mich wohl nach einem so großen Beispiel auch mit geringeren befassen? Ich bin der Meinung, in der Geschichte des menschlichen Geistes sind, philosophisch betrachtet, und abgesehen von den Unterschieden der Stände und der Lebensart, die Könige auch nur Menschen, und alle Menschen sind gleich. Denn es handelt sich hier nur um allgemeine Eindrücke oder Veränderungen, die durch gewisse äußere Ursachen am menschlichen Geist hervorgerufen wurden.

Ganz England weiß, was vor einigen Jahren in London geschah: Man führte eine ziemlich schlechte Komödie mit dem Titel Cartouche auf. In diesem Stück ging es um die Darstellung gewisser Spitzbübereien und listiger Streiche, des berühmten Diebes. Nach der Vorstellung bemerkten viele Leute, dass ihnen Ringe, Tabaksdosen oder Uhren fehlten. Cartouche hatte so schnell Schüler gewonnen, dass diese seine Lehren sogleich im Parterre des Theaters in die Tat umsetzten, was die Politzei veranlasste, die allzu gefährliche Aufführung dieser Komödie zu verbieten. Meiner Meinung nach beweist dies zur Genüge, wie schädlich es ist, schlechte Beispiele zu zitieren, und dass man bei ihrer Darstellung nie genug Umsicht und Klugheit walten lassen kann.

Machiavellis erste Überlegung zu Agathokles und da Fermo fragt nach den Ursachen dafür, dass sich beide trotz ihrer Grausamkeiten in ihren Staaten halten konnten. Der Autor schreibt es dem Umstand zu, dass sie ihre Grausamkeiten zum rechten Zeitpunkt verübt hätten. Also Barbarei umsichtig und die Tyrannei konsequent auszuüben, bedeutet bei diesem abscheulichen Staatslehrer, alle Gewalttaten und alle Verbrechen, die man für seine Interessen als nützlich erachtet, auf einmal und auf einen Schlag zu begehen.

Lassen Sie morden, wer Ihnen verdächtig erscheint, die, denen Sie misstrauen, und die, die Ihnen offen ihre Feindschaft erklären, aber schieben Sie ihre Rache nicht auf! Machiavelli billigt dergleichen Taten wie die Sizilianische Vesper oder das abscheuliche Blutbad der Bartholomäusnacht, wo Grausamkeiten geschahen, über die die Menschheit erröten muss. Dem abartigen Ungeheurer bedeutet die Abscheulichkeit dieser Verbrechens nichts, wenn sie nur auf die Art begangen werden, dass sie beim Volk Eindruck machen und vom ersten Augenblick Schrecken erregen. Und er begründet es damit, dass die Vorstellungen davon beim Publikum leichter verblassen als die von den nach und nach begangenen und fortgesetzten Grausamkeiten der Fürsten, durch die sie ihr ganzes Leben lang das Andenken an ihre Rohheit und Barbarei aufrechterhalten, als wäre es nicht ebenso schlecht und abscheulich, tausend Personen an einem Tag umzubringen oder sie in längeren Zeiträumen ermorden zu lassen! Die entschlossene, rasch zuschlagende Barbarei der Ersteren verbreitet mehr Furcht und Schrecken; die Gemeinheit des Zweiten, die langsamer und berechnender vorgeht, flößt mehr Abscheu und Entsetzen ein. Machiavelli hätte das Leben des Kaisers Augustus erwähnen müssen. Dieser Herrscher bestieg, noch triefend vom Blut seiner Bürger, noch beschmutzt von der Niedertracht seiner Proskriptionen, den Thron, doch dann, nach dem Rat von Maecenas und Agrippa, ließ er nach so vielen Grausamkeiten eine Zeit der Milde folgen, so dass es von ihm heißt, er hätte entweder niemals geboren werden oder niemals sterben sollen. Vielleicht bedauerte Machiavelli gewissermaßen, dass Augustus besser endete, als er begonnen hatte, und er fand es aus diesm Grund unwürdig, Augustus einen Platz unter seinen großen Männern einzuräumen.

Wie abscheulich ist doch die Staatslehre dieses Autors! Der Eigennutz eines Einzigen stürzt die Welt um, sein Ehrgeiz hat freie Auswahl unter den Übeltaten und bewegt ihn zum Guten oder zum Verbrechen. Wie schrecklich ist doch die Klugheit der Ungeheuer, die auf der ganzen Welt nur sich selbst kennen und lieben, die alle Pflichten der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit mit Füßen treten, um wütend ihren Launen und ihrer Zügellosigkeit freien Lauf zu lassen!

Es reicht nicht, Machiavellis abscheuliche Moral aufzudecken und zu widerlegen; seine Entstellungen und seine Unredlichkeiten müsssen ebenfalls nachgewiesen werden.

Falsch ist zunächst, dass Agathokles, wie Machiavelli darlegt, die Früchte seiner Verbrechen im Frieden genossen habe: Er war fast immer mit den Karthagern in Kriege verwickelt, er wurde sogar gezwungen, seine Armee in Afrika zu verlassen, die nach seiner Abreise seine Kinder ermordete, und er selbst starb an einem Gifttrank, den sein Enkel ihm verabreichte. Oliverotto da Fermo kam durch den Verrat des Borgia um: der gerechte Lohn seiner Verbrechen! Da dies ein Jahr nach seiner Erhebung geschah, scheint sein derart beschleunigter Fall der Strafe zuvorgekommen zu sein, die ihm der öffentliche Hass zugedacht hatte.

Das Beispiel des Oliverotto da Fermo hätte der Autor nicht anführen dürfen, denn es beweist nichts. Machiavelli hätte gern, dass das Verbrechen vom Glück begünstigt werde, und er schmeichelt sich, hierin einen guten Grund oder wenigstens ein erträgliches Argument zur Empfehlung des Verbrechens vortragen zu können.

Aber nehmen wir an, das Verbrechen ließe sich in Sicherheit begehen und ein Tyrann könnte seine Niedertracht ungestraft ausüben: Selbst wenn er nicht vor einem tragischen Tod zittert, wird er doch unglücklich genug sein, denn er müsste sich als Schande des Menschengeschlechts betrachten. Er wird das innere Zeugnis seines Gewissens, das gegen ihn auftritt, nicht unterdrücken und die mächtige Stimme, die sich auf dem Thron der Könige wie auf dem Richterstuhl der Tyrannen Gehör verschafft, nicht zum Schweigen bringen können. Er wird der unheilvollen Melancholie nicht entkommen, die seine Einbildungskraft zerrüttet und ihm zeigt, wie jene blutigen Manen ihren Gräbern entsteigen, die  durch seine Grausamkeit dort hinabgeschickt wurden und die, wie es ihm scheint, die Naturgesetze brechen, um schon hier auf Erden zu seinen Henkern zu werden und nach ihrem Tod ihr unglückliches und tragisches Ende zu rächen.

Man lese die Lebensbeschreibung eines Dionysios, eines Tiberius, eines Nero, eines Ludwig XI., eines Iwan Wassiljewitschs, und man wird sehen, dass diese ebenso unvernünftigen wie rasenden Ungeheuer den düstersten und unglücklichsten Tod fanden.

Der Grausame ist von menschenfeindlichem und schwarzgalligem Temperament; bekämpft er nicht von Jugend an diese unglückliche körperliche Beschaffenheit, wird er es nicht verhindern können, ebenso rasend wie schwachsinnig zu werden. Selbst wenn es keine Gerechtigkeit auf Erden und keine Gottheit im Himmel gäbe, müssten die Menschen umso tugendhafter sein, weil die Tugend sie eint und für ihre Selbsterhaltung absolut unerlässlich ist, während Verbrechen ihnen nur Unheil und Verderben bringen kann.

Machiavelli mangelt es an Gefühlen, Redlichkeit und Vernunft. Ich habe seine schlechte Moral und seine Unredlichkeit an den von ihm zitierten Beispielen aufgezeigt. Jetzt werde ich ihm seine groben und offensichtlichen Widersprüche nachweisen. Möge der uneschrockenste Kommentator, möge der scharfsinnigste Interpret Machiavelli versöhnen. Im vor liegenden Kapitel sagt er: „Agathokles behauptete seine Herrschaft mit dem Mut eines Helden, man darf indes seinen Mordtaten und seinen Verrätereien nicht den Namen Tugend geben.“ Im siebten Kapitel sagt er von Cesare Borgia, er habe „die Gelegenheit, sich der Orsini zu entledigen, abgewartet und sie mit Umsicht wahrgenommen“. Ebenda: „Wenn man im Großen und Ganzen alle Taten Borgias beleuchtet, ist es schwer, ihn zu tadeln.“ Ebenda: „Er konnte nicht anders vorgehen, als er es tat.“ Ist es mir gestattet, den Autor zu fragen, worin sich Agathokles von Cesare Borgia unterscheidet? Ich sehe bei beiden nur die gleichen Verbrechen und die gleiche Gemeinheit. Würde man sie miteinander vergleichen, käme man nur in Verlegenheit zu entscheiden, wer von beiden der größere Übeltäter war.

Die Wahrheit zwingt Machiavelli dennoch von Zeit zu Zeit zu Geständnissen, in denen er der Tugend die Ehre zu erweisen scheint. Die Kraft der Evidenz veranlasst ihn zu sagen: „Ein Fürst soll sich in seinem Verhalten immer gleich bleiben, damit er sich in schlimmen Zeiten nicht zur Freude seiner Untertanen zu Zugeständnissen gezwungen sehe; denn in diesem Falle würde seiner erpressten Milde kein Verdienst zukommen, und seine Völker würden ihm keine Dank wissen.“ Die Grausamkeit und die Kunst, andere in Schrecken zu versetzen, sind also nicht die einzigen Antriebe der Politik, wie Sie, Machiavelli, es uns einreden wollen. Sie müssen doch selbst zugeben, dass die Kunst, die Herzen zu gewinnen, die zuverlässigste Grundlage für die Sicherheit eines Fürsten und die Treue seiner Untertanen darstellt. Mehr verlange ich nicht. Dieses Geständnis aus dem Mund meines Feindes muss mir genügen. Es zeugt von geringer Achtung vor sich selbst und vor dem Publikum, ein Werk ohne Form, ohne Zusammenhang, ohne Ordnung und voller Widersprüche zu verfassen und zu veröffentlichen. Selbst wenn man vom verderblichen moralischen Aspekt des Buches absieht, kann Machiavellis Fürst seinem Verfasser nur Verachtung einbringen; es ist eigentlich nur ein Traum,  in dem allerhand Ideen aufeinander prallen und sich gegenseitig erschüttern, es sind nur Tobsuchtsanfälle eines Wahnsinnigen, bei dem manchmal der gesunde Menschenverstand zum Vorschein kommt.

So belohnt die Ruchlosigkeit diejenigen, die sich zum Schaden der Tugend auf die Seite des Verbrechens schlagen; selbst wenn sie der Strenge des Gesetzes entkommen, verlieren sie, wie Machiavelli, die Urteilskraft und den Verstand.

 

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