Antimachiavel/Kapitel 9

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 9 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 9, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Kein Gefühl ist so untrennbar mit unserem Wesen verbunden wie das der Freiheit. Vom zivilisiertesten bis hin zum barbarischsten Menschen sind alle auf gleiche Weise davon durchdrungen. Da wir ohne Ketten geboren werden, verlangen wir, ohne Zwang zu leben, und da wir nur von uns selbst abhängig sein wollen, wollen wir uns auch nicht den Launen anderer unterwerfen. Dieser Geist der Unabhängigkeit und des Stolzes hat der Welt viele große Männer geschenkt und jene Regierungsformen hervorgebracht, die man republikanisch nennt. Auf der Grundlage weiser Gesetze erhalten sie die Freiheit der Bürger gegen jegliche Unterdrückung und errichten eine Art von Gleichheit unter den Mitgliedern einer Republik, wodurch sie dem Naturzustand äußerst nahe kommen.

Im vorliegenden Kapitel erteilt Machiavelli denen gute und ausgezeichnete politische Lehren, die durch den Beistand der Oberhäupter einer Republik oder des Volkes zur höchsten Macht gelangen. Das veranlasst mich zu zwei Überlegungen; die eine betrifft die Politik, die andere die Moral.

Selbst wenn die Lehren des Autors für diejenigen sehr genau zutreffen, die dank der Gunst ihrer Mitbürger aufsteigen, so scheint es in der Geschichte doch nur wenige Beispiele eines solchen Aufstiegs zu geben. Der republikanische Geist, der höchste eifersüchtig über seine Freiheit wacht, schöpft Verdacht gegen alles, was ihm Fesseln anlegen könnte, und revoltiert gegen die bloße Vorstellung von einem Herren. In Europa kennt man etliche Völker, die das Joch ihrer Tyrannen abgeschüttelt haben, um eine glückliche Unabhängigkeit zu genießen, aber man kennt keine, die frei waren und sich freiwillig der Sklaverei unterwarfen.

Mehrere Republiken sind im Laufe der Zeiten wieder in den Despotismus zurückgefallen; das scheint sogar ein unvermeidliches Unglück zu sein, das ihnen allen bevorsteht; doch es ist nur eine Auswirkung der Schicksalsschläge und der Wechselfälle, die es in allen Dingen dieser Welt zu erleiden gilt. Denn wie sollte eine Republik auf ewig den Kräften Widerstand leisten, die ihre Freiheit untergraben? Wie könnte sie für immer dem Ehrgeiz der Großen Einhalt gebieten, der in ihrer Mitte gedeiht, jenem Ehrgeiz, der immer neu entsteht und niemals ausstirbt? Wie könnte sie auf Dauer die Versuchungen, die geheimen Machenschaften ihrer Nachbarn und die Korruption ihrer Bürger überwachen, solange der der Eigennutz unter den Menschen allmächtig ist? Wie kann sie hoffen, stets glücklich aus den Kriegen hervorzugehen, die sie zu führen hat? Wie kann sie den Umständen, die ihre Freiheit bedrohen, vorbeugen, wie diesen kritischen und entscheidenden Augenblicken und Zufällen , welche die Tollkühnen und die Wagemutigen begünstigen? Wenn feige und ängstliche Heerführer die Befehlsgewalt über ihre Truppen ausüben, wird die Republik zur Beute ihrer Feinde; wenn sie tapfere und kühne Männer an ihrer Spitze haben, werden diese in Friedenszeiten nicht weniger unternehmungsfreudig sein als im Krieg. Die Unzulänglichkeiten ihrer Verfassung werden also jede Republik früher oder später zugrunde richten.

Sind aber Bürgerkriege schon für die Monarchien verhängnisvoll, dann sind sie es erst recht für einen freien Staat. Es ist eine Krankheit, die für ihn lebensgefährlich ist: Dank der Bürgerkriege konnte Sulla die Diktatur in Rom halten, eine Caesar machte sich mit Hilfe der Waffen, die man ihm anvertraut hatte, zum Herrn, und einem Cromwell gelang es, mit ihrer Hilfe die Stufen zum Thron hinaufzusteigen.

Fast alle Republiken haben sich vom Abgrund der Tyrannei zum Gipfel der Freiheit erhoben, und fast alle sind von dieser Freiheit wieder in die Sklaverei hinabgestürzt. Dieselben Athener, die zu Zeiten des Demosthenes Philipp von Mazedonien beschimpften, krochen vor Alexander; dieselben Römer, die nach der Vertreibung der Könige das Königtum verabscheuten, erlitten nach den Umwälzungen, die mehrere Jahrhunderte andauerten, geduldig alle Grausamkeiten ihrer Kaiser. Und dieselben Engländer, die Karl I. wegen seiner Eingriffe in ihre Rechte zum Tode verdammten, gaben unter der Herrschaft ihres hochfahrenden Protektors ihre mutige Unbeugsamkeiten auf. Es ist also keineswegs so, dass sich diese Republiken nach eigener Wahl Herren gegeben haben, sondern es waren tatkräftige Männer, die die Gunst der Stunde nutzten und sich die Republiken gegen deren Willen mit Gewalt unterwarfen.

Wie die Menschen geboren werden, eine Zeit lang leben und dann an Krankheit oder aufgrund ihres hohen Alters sterben, ebenso entstehen Republiken, blühen einige Jahrhunderte lang und gehen schließlich durch die Kühnheit eines Bürgers oder durch die Waffer ihrer Feinde zugrunde. Alles hat seine Zeit, alle Reiche und selbst die größten Monarchien haben nur eine bestimmte Dauer, und es gibt nichts auf dieser Welt, das nicht den Gesetzen des Wandels und des Zerfalls unterworfen wäre. Der Despotismus versetzt der Freiheit den Todesstoß und beeindet früher oder später das Geschick der Republik. Die Einen behaupten sich entsprechend ihrer Lebenskraft länger als die Anderen; sie schieben den entscheidenden Augenblick ihres Zerfalls, soweit es in ihrer Macht steht, hinaus und verlängern ihr Schicksal mit allen Mitteln, die ihnen die Weisheit rät; aber letztlich müssen auch sie den ewigen, unabhänderlichen Gesetzen der Natur weichen und zugrunde gehen, sobald die Verkettung der Ereignisse ihren Untergang mit sich bringt.

Den Menschen, die wissen, was glücklich sein heißt, und die es sein wollen, darf man im Übrigen nicht vorschlagen auf, auf ihre Freiheit zu verzichten.

Niemals wird man einen Republikaner, einen Cato oder einen Lyttelton davon überzeugen können, dass die Monarchie die beste Staatsform sei, vorausgesetzt, ein König hat die Absicht, seine Pflicht zu erfüllen, denn sein Wille und seine Macht bringen seine Güte zur Wirkung. Zugegeben, wird er sagen, doch wo findet man diesen Phönix unter den Fürsten? Das ist ja wie Platons Idealmensch oder die Venus der Medici, die ein geschickter Bildhauer nach der Zusammenschau von vierzig verschiedenen Schönheiten formte und die in Wirklichkeit nie existierte als eben in Marmor. Wir wissen doch, was die Menschheit verträgt und dass es wenige Tugenden gibt, die dem mächtigen Drang nach Erfüllung unserer Wünsche und den Verführungen des Thrones wiedrstehen. Ihre metaphysische Monarchie, gäbe es eine, wäre das Paradies auf Erden; doch der Despotismus, wie er wirklich ist, macht aus dieser Welt mehr oder weniger eine wahre Hölle.

Meine zweite Überlegung betrifft Machiavellis Morallehre. Ich kann ihm den Vorwurf nicht ersparen, dass der Eigennutz für ihn der Antrieb für alle guten und schlechten Taten darstellt. Nach landläufiger Meinung trifft es zu, dass der Eigennutz in einem despotischen System eine wichtige Rolle spielt, Gerechtigkeit und Redlicheit hingegen keine. Doch sollte man endlich diese abscheuliche Politik, die sich nicht an die  Grundsätze einer gesunden und lauteren Moral hält, für immer aus der Welt schaffen. Ginge es nach Machiavelli, geschähe alles in der Welt nur aus Eigennutz, so wie die Jesuiten die Menschen allein durch die Furcht vor dem Teufel retten wollen und dabei die Liebe zu Gott ausschließen. Die Tugend sollte der einzige Beweggrund unserer Handlungen sein, denn wer Tugend sagt, sagt Vernunft: Beide sind untrennbar miteinander verknüpft, und sie werden es auch als Voraussetzung folgerichtigen Handelns immer bleiben. Seien wir also vernünftig, denn es ist das bisschen Vernunft, das uns von den Tieren unterscheidet, und nur die Güte bringt uns jenem unendlich gütigen Wesen näher, dem unser aller Dasein obliegt.

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