Friedrich der Große über Religion und Reformation

Lieber Leser,

vielleicht wundern Sie sich, auf einer christlichen Website Artikel gegen die katholische Kirche und kritische Texte über die evangelische Kirche zu finden. Leider sind sowohl die katholische Kirche als auch die evangelische Kirche von ihrem Herrn (Jesus Christus) abgefallen. Der tatsächliche Herr der kath. Kirche ist der Papst und außerdem lehrt die kath. Kirche nicht richtig über die Eucharistie. Der tatsächliche Herr der evangelischen Kirche ist zwar nicht Nikolaus Schneider, aber ein Billige-Gnade-Jesus, der nicht der wirkliche Jesus ist, sondern nur ein verzerrtes Abbild von ihm und somit ein Götze.

Von den alten Bekenntnisschriften der Reformation (Augsburger Bekenntnis, Schmalkaldische Artikel, großer Katechismus, etc.) her ist der evangelische Glaube der richtige Glaube. Martin Luther war ein treuer Christ und seine Lehre stimmte mit der Lehre der Kirche des apostolischen Zeitalters, also der Urkirche überein. Somit kann man die Begriffe christlicher Glaube und evangelischer Glaube in Deutschland gleichsetzen, sofern man mit „evangelisch“ den evangelischen Glauben gemäß der alten evangelischen Bekenntnisschriften meint.

Leider ist heute die evangelische Kirche von ihren eigenen alten Bekenntnisschriften abgewichen. Die Institution, die sich heute evangelische Kirche nennt, hat eigentlich diesen Namen nicht mehr verdient. Die evangelische Kirche ist nicht mehr in der Lage die richtige Verbindung zwischen Tod und Auferstehung Jesu und Taufe, Glaube und Nachfolge herzustellen. Man begreift nicht oder will nicht begreifen, daß die Taufe ein göttlicher Ruf in die Nachfolge ist. Es ist absolut unsinnig, Kinder zu taufen und dann nicht für ihre christliche Erziehung zu sorgen. Die Kindertaufe ist zwar zu befürworten, schlimm ist jedoch, daß die Kirche heute nicht mehr dafür sorgt, daß die Kindertaufe in einem frommen Umfeld erfolgt. Niemand kümmert sich darum, ob der taufende Pfarrer, die ganze örtliche Gemeinde und die Eltern des Kindes wirklich als Christen leben im Alltag. Das ewige Leben wird nur ererben, wer in der Kraft seiner Taufe tatsächlich Tag für Tag als Christ gelebt hat. Der Taufschein ist kein Freifahrschein für den Himmel. Durch die Taufe allein ist man kein Christ. Mann ist dann Christ, wenn man die Taufe als den Ruf in ein christliches Leben betrachtet und dieses Leben auch wirklich lebt. Glauben, im engsten Sinne, bedeutet, sich täglich seiner Taufe zu erinnern und in der Kraft der Taufe Gott den eigenen Leib zur Verfügung zu stellen.  Bei der Taufe wurde uns die Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu zugeeignet. In der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu vermögen wir die Neigung zur Sünde unseres Leibes zu überwinden. Das ist der wahre Glaube: In der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu täglich den sündigen Leib zu überwinden und Werke der Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu wirken.

Friedrich der Grosse, König von Preussen, Förderer der Aufklärung, war keinesfalls ein Gegner des christlichen Glaubens (siehe Ergänzung, unten), sondern hat ihn sehr geschätzt. Nur wußte Friedrich zu gut, daß sich immer wieder Wölfe im Schafspelz in die Herde einschleichen und die Kirche verderben (Friedrich nennt diese Wölfe gerne „ehrgeizige Priester“). Friedrich’s folgender Text richtet sich also nicht gegen die evangelische Kirche im Idealzustand (nach Jesu ursprünglicher Intention), sondern kritisiert eine durch Wölfe im Schafspelz verunstaltete Kirche. Jesus selber hatte ja vor Wölfen im Schafspelz gewarnt:

Mt 7,15 Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.

Friedrich der Große, König von Preussen, über die evangelische Kirche:

(Der Text stammt aus Friedrich’s Werk „Denkwürdigkeiten des Hauses Brandenburg“, Kapitel „Aberglaube und Religion“, Abschnitt III: „Die Religion unter der Reformation“)

Ich will die Reformation nicht unter dem Gesichtspunkt der Theologie oder der Geschichte betrachten. Ihre Dogmen und die Ereignisse, die sie hervorrief, sind so bekannt, daß es nicht der Mühe lohnt, sie zu wiederholen. Eine so große und einzigartige Umwälzung, die fast ganz Europa ein anderes Antlitz gab, verdient mit den Augen des Philosophen betrachtet zu werden.

Die katholische Religion, die sich auf den Trümmern der jüdischen und heidnischen erhoben hatte, bestand seit fünfzehn Jahrhunderten. Demütig und sanft zur Zeit der Verfolgung, aber herrschsüchtig, nachdem sie sich durchgesetzt hatte, ging sie selbst zur Verfolgung über. Alle Christen waren dem Papst untertan, an dessen Unfehlbarkeit sie glaubten. Daher war seine Macht größer als die des unumschränktesten Despoten. Ein armseliger Mönch erhob sich gegen eine Macht, die derart fest begründet war, und halb Europa schüttelte das römische Joch ab.

Alle Ursachen, die diese außerordentliche Umwälzung herbeiführten, bestanden lange, ehe sie zum Ausbruch kamen, und bereiteten die Geister zu dieser befreienden Tat vor. Die christliche Religion war so entartet, daß ihr ursprünglicher Charakter nicht mehr zu erkennen war. Im Anfang ihres Bestehens war ihre Moral von höchster Heiligkeit, aber der Hang des Menschenherzens zur Verderbnis (hier meint Friedrich sicher die Wölfe im Schafspelz, sprich ehrsüchtige Priester, R. B.) hatte sie bald genug untergraben. So sind stets die reinsten Quellen des Guten zur Ursache von aller Art von Übel für die Menschen geworden: die Religion, die Demut, Nächstenliebe und Geduld lehrte, wurde mit Feuer und Schwert verbreitet. Die Priester, deren Erbteil Heiligkeit und Armut hätten sein sollen, gaben sich einem anstößigen Wandel hin. Sie erwarben Reichtümer, wurden ehrgeizig (Friedrich meint ehrsüchtig, R. B.), einzelne von ihnen waren mächtige Fürsten. Der Papst, der ursprünglich von den Kaisern abhing, maßte sich die Macht an, sie zu erheben und abzusetzen, schleuderte den Bannstrahl, belegte Königreiche mit dem Interdikt und trieb die Dinge derart auf die Spitze, daß die Welt sich schließlich so oder so gegen alle Mißbräuche auflehnen mußte.

Die Religion verändert sich mit den Sitten. Von Jahrhundert zu Jahrhundert verlor sie ihre ursprungliche Einfachheit mehr und wurde schließlich in all dem falschen Gepränge ganz unkenntlich. Alles, was man hinzutat, war nur Menschenwerk und mußte als solches zugrunde gehen. Auf dem Konzil von Nizäa (325) wurde die Gottheit des Sohnes der des Vaters gleichgestellt, und durch Hinzufügung des Heiligen Geistes zu diesen zwei Personen entstand die Dreifaltigkeit (Anm. 1, siehe unten). Ein Konzil zu Toledo (400) untersagte den Priestern, sich zu verheiraten; doch unterwarfen sie sich dem Willen der Kirche erst im 13. Jahrhundert. Später erhob das Konzil von Trient jene Vorschrift zum Dogma. Der Bilderkult (Anm. 2, siehe unten) war vom zweiten Konzil zu Nizäa (787) genehmigt worden. Und die Transsubstantiation wurde auf dem Konzil von Trient (1545) festgesetzt. Die Theologenschulen behaupten die Unfehlbarkeit des Papstes bereits, seit die Bischöfe von Rom und Konstantinopel sich feindlich gegenüberstanden. Einige Einsiedler gründeten religiöse Orden und wandten das Leben, das ganz im Dienste der Gesellschaft stehen soll, tatloser Beschaulichkeit zu. Die Köster vermehrten sich ins Ungemessene, und ein großer Teil der Menscheit vergrub sich in ihnen. Endlich wurden Betrügereien aller Art ersonnen, um die Leichtgläubigkeit des großen Haufens auszubeuten, und falsche Wunder wurden beinahe gang und gäbe.

Aber nicht aus den Umwälzungen in den religiösen Anschauungen konnte eine Reformation der Kirche hervorgehen. Der Scharfsinn der meisten denkenden Menschen richtet sich auf Dinge, bei denen ihr Eigennutz (Habgier, R. B.) und Ehrgeiz (Ehrsucht, R. B.) ins Spiel kommt. Wenige befassen sich mit abstrakten Ideen, und noch kleiner ist die Zahl derer, die gründlich über so wichtige Fragen nachdenken. Und das Volk, der achtbarste, zahlreichste und unglücklichse Teil der Gesellschaft, folgt Anregungen, die man ihm gibt.

Den Anstoß gab also nicht die tyrannische Macht, die der (katholische, R. B.) Klerus über die Gewissen ausübte.  Die Priester nahmen dem Volke seine Habe und seine Freiheit: diese Sklaverei, die täglich drückender wurde, erregte schon Unwillen. Der stumpfsinnigste wie der geistvollste Mensch spürt je nach dem Grade seiner Empfindlichkeit das Leid, das ihm zugefügt wird. Alle streben nach Wohlbefinden; eine Zeitang halten sie still, aber schließlich geht ihnen die Geduld aus. Die Knechtung so vieler Völker hätte also ohnedies zu einer Reformation geführt, hätte nicht der römische (=katholische, R. B.) Klerus, durch innere Zwistigkeiten aufgewühlt, selbst das Zeichen zur Befreiung gegeben, indem er die Fahne der Empörung gegen den Papst aufpflanzte. Die Waldenser (Anm. 3), Wycliffiten und Hussiten hatten die Bewegung schon eingeleitet; aber erst Luther und Calvin, die ebenso mutig, doch unter günstigeren Umständen geboren waren, vollendeten das große Werk.

Die Augustiner (Luther’s katholischer Heimat-Orden) waren im Besitz des Ablaßhandels. Als der Papst die Dominikaner mit der Predikt des Ablasses betraute, entstand ein erbitterter Kampf zwischen beiden Orden. Die Augustiner erklärten sich gegen den Papst, und Luther, der diesem Orden angehörte, griff die kirchlichen Mißbräuche aufs heftigste an. Mit kühner Hand lüftete er die Binde des Aberglaubens. Bald wurde er zum Führer der Bewegung, und da seine Lehre den Bischöfen ihre Pfründen und den Klöstern ihre Besitztümer streitig machte, schlossen sich die Fürsten dem neuen Bekehrer in Scharen an.

Die Religion gewann nun eine neue Gestalt und näherte sich wieder ihrer alten Einfachheit. Es ist nicht der Ort, zu untersuchen, ob es nicht besser gewesen wäre, ihr mehr von äußerem Prunk zu lassen, damit sie mehr auf das Volk wirkte, dessen Urteil ganz von dem sinnlichen Eindruck abhängt. Eine rein geistige, äußerliche kahle Religion wie der Protestantismus scheint nicht gemacht zu sein für grobsinnliche  Menschen, die unfähig sind, sich durch den Gedanken zur Anbetung der höchsten Wahrheiten zu erheben.

Die Reformation war ein Segen für die Welt und besonders for den Fortschritt des menschlichen Geistes (Anm. 4). Die Protestanten, die über die Glaubensfragen nachdenken mußten, legten mit einem Schlage alle Vorurteile der Erziehung ab und lernten ihre Vernunft frei gebrauchen, sie, die den Menschen als Führererin gegeben ist, und der sie wenigstens in den wichtigsten Angelegenheiten ihres Lebens folgen sollten. Die Katholiken wurden durch die heftigen Angriffe zur Verteidigung gezwungen. Die Geistlichen studierten. und die schmachvolle, krasse Unwissenheit, in der sie fast alle versunken waren, verschwand.

Gäbe es nur eine Religion in der Welt, so wäre sie hochmütig und würde unumschränkt herrschen (in dem Sinne, daß selbst auch die wahre Kirche immer wieder von Wölfen im Schaftspelz heimgesucht wird, die herrschen wollen; die wahre Kirche im Idealzustand will nicht herrschen, R. B.). Die Priester wären lauter Despoten, die tyrannisch regierten und nur gegen ihre eignen Verbrechen nachsichtig wären. Glaube, Ehrgeiz (Streben nach Macht und Ehre, R.B.) und politische Klugheit würden ihnen den Erdball untertan machen. Heute, wo es viele Sekten gibt, kann keine ungestraft die Wege der Mäßigung verlassen. Das Beispiel der Reformation hindert den Papst, seinem Ehrgeiz (Ehrsucht) die Zügel schießen zu lassen. Mit Recht fürchtet er den Abfall seiner Untertanen, wenn er seine Macht mißbraucht. Daher geht er vorsichtiger mit seinem Bannflüchen um, seit ihn ein Bannspruch gegen Heinrich VIII. um das Königreich England gebracht hat. Der katholische und der protestantische Glaube, die einander mit gleich kritischen Blicken beobachten, sind beide gezwungen, wenigstens den äußeren Anstand zu wahren. So bleibt alles im Gleichgewicht. Wohl ihnen, wenn Parteigeist, Fanatismus und blinder Eifer sie nicht zu Kriegen fortreißen, die den Haß auflodern lassen und die unter Christen niemals vorkommen dürften!

Lediglich vom politischen Gesichtspunkt betrachtet, erscheint die protestantische Religion für Republiken wie für Monarchien als die zuträglichste. Sie stimmt am besten zu dem freiheitlichen Geiste, der das Wesen der Freistaaten ausmacht. Denn in einem Staate, der Kaufleute, Bauern, Handwerker und Soldaten, mit einem Wort Untertanen braucht, müssen Bürger, die das Gelübde tun, das Menschengeschlecht aussterben zu lassen (= Zölibat der katholischen Priester, R. B.), unbedingt gefährlich werden. In den Monarchien ist die protestantische Religion, die von niemand abhängt, ganz der Regierung untertan. Dagegen errichtet der Katholizismus im weltlichen Staate der Fürsten einen allmächtigen geistlichen Staat voller Ränke und Kabalen (Intrigen). Die Priester, die die Gewissen beherrschen und kein anderes Oberhaupt haben als den Papst, sind mehr Herren des Volkes als dessen rechtmäßige Herrscher; und der Papst, der es versteht, die Sache Gottes mit menschlichem Ehrgeiz (Ehrsucht, Machtstreben, R.B.) zu verbinden, hat manchem Streit mit den Fürsten gehabt um Dinge, die durchaus nichts mit der Kirche zu tun hatten.

In Brandenburg wie in den meisten deutschen Staaten ertrug das Volk nur widerwillig das Joch des römischen (katholischen) Klerus. Der Katholizismus legte so wenig reichen Ländern zu große Lasten auf. Fegefeuer, Messen für die Lebenden und Toten, Jubeljahre, Annaten, Ablässe, erlässliche und Todsünden, in Geldspenden umgewandelte Bußen, Ehesachen, Gelübde, Opfergaben – das waren lauter Steuern, die der Papst der Leichtgläubigkeit (leichtgläubige Menschen, R. B.) auferlegte und die ihm ein ebenso festes Einkommen sicherten wie Mexiko den Spaniern. Es bedurfte daher gar keiner weiteren Argumente, um sie der Reformation geneigt zu machen. Sie murrten gegen den Klerus, der sie unterdrückte. Da trat ein Mann auf. der sie zu befreien versprach, und sie folgtem ihm.

Joachim II. war der erste Kurfürst, der die lutherische Religion annahm. Seine Mutter, eine dänische Prinzessin, teilte ihm ihre Anschauungen mit; denn die neue Lehre war in Dänemark eingedrungen, bevor sie in Brandenburg Boden gewann. Das Land folgte dem Beispiel des Herrschers, und ganz Brandenburg wurde protestantisch. Mathias von Jagow, Bischof von Brandenburg, erteilte das Abendmahl unter beiderlei Gestalt im Kloster der Schwarzen Brüder (eher der Dom zu Berlin, R. B.).

Dies Kloster wurde dann zur Hauptkirche von Berlin. Joachim II. ward zum Verfechter des Protestantismus durch die briefliche Disputation, die er mit dem König von Polen führte, und wie die Chroniken berichten,, durch seine Fürsprache fur die Protestanten auf dem Reichstag zu Augsburg (1548).

Die Reformation konnte nicht alle Irrtümer zerstören. Zwar öffnete sie dem Volke die Augen über eine Unzahl abergläubischer Anschauungen; doch bewahrte sie deren noch recht viele. So unausrottbar ist die Neigung des Menschengeistes zum Irrtum. Luther glaubte zwar nicht an das Fegefeurer, doch behielt er Gespenster und Teufel in seiner Lehre bei. Er behauptete sogar, Satan sei ihm in Wittenberg (eher Wartburg, R. B.) erschienen, und er habe ihn vertrieben, indem er ihm ein Tintenfaß an den Kopf warf. Es gab damals kaum ein Volk, das nicht von derartigen Vorurteilen erfüllt war (Anm. 5.). Bei Hofe und erst recht im Volke, waren die Geister voll von Zauberei, Wahrsagung, Gespenstern und Dämonen. Im Jahre 1553 mußten zwei alte Frauen die Feuerprobe ablegen, um sich von der Anklage der Hexerei zu reinigen. Der Hof hatte seinen Astrologen. Einer von ihnen prophezeite die Geburt Sigismunds, er werde glücklich sein, da man gleichzeitig am Himmel einen neuen Stern im Bilde der Kassiopeia eintdeckt hätte. Der Astrolog hatte aber nicht vorausgesagt, daß Sigismund zur reformierten Kirche übertreten würde, um die Holländer zu gewinnen, deren Beistand ihm bei der Verfechtung seiner Rechte auf das Herzogtum Kleve von Nutzen war.

Seit Luthers Lehre die Kirche gespalten hatte, machten die Päpste und Kaiser die verschiedensten Einigungsversuche. Die Theologen beider Parteien hielten Zusammenkünfte ab, bald in Thorn (1645), bald in Augsburg (1548). Auf allen Reichstagen wurden die Religionssachen diskutiert. Aber alle diese Versuche blieben fruchtlos. Schließlich entstand daraus ein grausamer, blutiger Krieg, der mehrfach beigelegt wurde und wieder aufflammte.

Oft entzündete ihn der Ehrgeiz der  (katholischen, R. B.) Kaiser, die die Freiheit der Fürsten und Gewissen der Völker knechten wollten. Aber Frankreichs Rivalität und der Ehrgeiz König Gustav Adolfs von Schweden retteten Deutschland und die Glaubensfreiheit von dem (katholischen, R. B.) Despotismus des Hauses Österreich.

Die Kurfürsten von Brandenburg verhielten sich während dieser Unruhen weise. Sie blieben duldsam und massvoll. Friedrich Wilhelm, der durch den Westfälischen Frieden Provinzen mit katholischen Untertanen erwarb, verfolgte diese keineswegs. Er gestattete sogar einigen jüdischen Familien, sich in seinem Lande niederzulassen, und bewilligte ihnen Synagogen.

Friedrich I. ließ einige Male die katholischen Kirchen schließen, als Repressalie gegen die Verfolgungen, die der Kurfürst von der Pfalz seinen protestantischen Untertanen zufügte. Aber immer wurde die freie Religionsausübung den Katholiken wieder gestattet. Die Reformierten versuchten, die Lutheraner in Brandenburg zu verfolgen. Sie benutzten die ihnen günstige Stimmung des Königs, um reformierte Prediger in den Ortschaften einzusetzen, wo vorher lutherische waren. Daraus ersieht man, daß die Religion keineswegs die menschlichen Leidenschaften vernichtet (Anm. 6) und daß die Priester, welchen Glaubens sie auch seien, immer bereit sind, ihre Gegner zu unterdrücken, sobald sie sich für die Stärkeren halten.

Es ist eine Schmach für den Menschengeist, daß sich im Anfang eines so aufgeklärten Jahrhunderts, wie des achtzehnten, noch aller Arten lächerlichen Aberglaubens erhalten hatten. Vernünftige Menschen glaubten ebenso wie die Schwachköpfe an Gespenster. Irgend eine Volksüberlieferung berichtete, daß jedesmal, wenn ein Prinz des Hauses Brandenburg sterben sollte, ein weiße Frau in Berlin sich zeigte. Der verstorbenen König ließ einen Unglücklichen, der die Rolle des Gespenstes gespielt hatte, ergreifen und bestrafen. Durch einen so unfreundlichen Empfang verstimmt, erschienen die Geister nicht wieder, und das Volk war von seinem Irrtum geheilt.

Im Jahre 1708 wurde eine Frau, die zu ihrem Ungkück alt war, als Hexe verbrannt. Thomasius, ein gelehrter Professor in Halle, den solch barbarische Folgen der Unwissenheit tief empörten, überschüttete die Hexenrichter und Hexenprozesse mit Lächerlichkeit. Er hielt öffentliche Vorträge über die natürlichen, physikalischen Ursachen der Dinge und hatte damit so großen Erfolg, daß man sich schämte, noch weiter solche Prozesse zu führen. Seitdem konnte das weibliche Geschlecht in Frieden alt werden und sterben.

Unter allen Gelehrten, die Deutschlands Ruhm bilden, haben Leibnitz und Thomasius dem Menschengeist die größten Dienste geleistet. Sie wiesen der Vernunft die Wege, auf denen sie zur Wahrheit gelangt.  Sie bekämpften jegliches Vorurteil, beriefen sich in all ihren Werken auf Analogie und Erfahrung, diese beiden Krücken unserer Urteilskraft, und fanden viele Schüler.

Unter der Regierung Friedrich Wilhelms wurden die Reformierten friedlicher, und die Religionsstreitigkeiten hörten auf. Die Lutheraner benutzten die Ruhe. Ohne selber dazu beizusteuern, gründete Francke, ein Geistlicher aus ihrer Mitte, ein Stift in Halle, wo junge Theologen ausgebildet wurden. Daraus gingen später Scharen von Priestern hervor, die eine Sekte strenger Lutheraner bildeten. Ihnen fehlte nur das Grab des heiligen Paris und ein Abbe Becherand, der darauf herumhüpfte – protestantische Jansenisten, die sich von den anderen nur durch ihre starre Mystik unterscheiden. Seitdem entstanden Quäkersekten aller Art, die Zinzendorfianer, die Gichteler, eine immer lächrlicher als die andere, bei denen die Grundsätze des Urchristentums bis zu verbrecherischem Treiben ausarteten (Anm. 7).

Alle diese Sekten leben hier (in Preussen, R. B.) in Frieden und tragen gleichmäßig zum Wohl des Staates bei. Hinsichtlich der Moral unterscheidet sich keine Religion erheblich von der anderen (Anm. 8). So können alle der Regierung gleich recht sein, die folglich jedem die Freiheit läß, den Weg zum Himmel einzuschlagen, der ihm gefällt. Nichts weiter verlangt sie von dem Einzelnen, als daß er ein guter Staatsbürger ist. Der falsche Eifer ist ein Tyrann, der Länder entvölkert; die Toleranz ist eine zärtliche Mutter, die für ihr Wohlergehen und Gedeihen sorgt.

(Ende von Friedrich’s Ausführungen)

Anmerkungen:

Anm. 1: Es stimmt, daß im Neuen Testament die Dreifaltigkeit nicht thematisiert wird, wohl aber eine Selbstverständlichkeit ist. Gott, der Sohn, war die Person der Gottheit, die Mensch wurde und für uns starb. Der Vater wurde nicht Mensch. Der Sohn Gottes ist also nicht kleiner als Gott, der Vater, sondern hat nur ein anderes Amt innerhalb der Gottheit. Der Vater und der Sohn waren sich einig in der Gottheit, daß der Sohn sterben und auferstehen sollte. Deswegen können wir im Neuen Testament lesen, daß der Vater den Sohn auferweckte von den Toten, aber auch daß der Sohn sein Leben wieder nahm:

Joh 10,18 Niemand nimmt es (sein Leben) von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.

Gal 1,1 Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, …

Ich hoffe und vermute, daß es Friedrich nicht um einen Affront gegen die Dreieinigkeit ging, sondern er wußte sicherlich um die Streitigen, die es in der Alten Kirche bezüglich dieses Themas gegeben hatte. Sicherlich will Friedrich kritisieren, daß sich die Kirche damals an einem Thema so „aufgehängt“ hat.

Anm. 2: Ich selber habe kein Problem mit Ikonen. Ich finde, man muß nur aufpassen, daß man eine Ikone nicht für einen magischen, sondern für einen sakralen Gegenstand hält. Die auf der Ikone dargestellte Szene muß sich beim Betrachter mit dem Glauben verbinden, andernfalls kann es zu keiner Wirkung kommen. Wenn auf einer Ikone die Kreuzigung dargestellt ist, kann ich mich im Glauben daran erinnern, daß Jesus für mich starb. Ist das nicht gut?

Ps 4,4 Erkennet doch, dass der HERR seine Heiligen wunderbar führt; der HERR hört, wenn ich ihn anrufe.

Anm. 3: Die Waldenser werden von Luther scharf verurteilt, weil sie Kinder tauften ohne dabei anzunehmen, daß auch ein Kind oder Säugling schon glauben könnte. Luther ging bei der korrekten, evangelischen Kindertaufe davon aus, daß auch Säuglinge schon glauben könnten, das halte ich auch für richtig.

Ps 4,4 Erkennet doch, dass der HERR seine Heiligen wunderbar führt; der HERR hört, wenn ich ihn anrufe.

Die Kirche ist einfach ein sakraler Ort, wo Wunder möglich sind (Psalm 4, 4), die über den Verstand hinausgehen. Wenn ein Säugling schon glaubt, dann ist das eben ein Wunder, gewirkt durch den Heiligen Geist. Der Heilige Geist wohnt in der Kirche, die verkündet, daß die Taufe oder Kindertaufe ein Ruf in die Nachfolge bzw. christliches Leben ist. Auch Bonhoeffer sagte, die Kindertaufe sollte eigentlich nur in einer lebendigen Gemeinde stattfinden, wo der Heilige Geist gegenwärtig ist und somit auch Säuglinge auf wunderbare Weise schon glauben können.

Anm. 4: Diese Aussage Friedrich’s stimmt, muß aber ergänzt werden. Sicherlich wurde durch die Reformation der menschliche Geist befreit, aber was die durch die Reformation erneuerte Kirche so attraktiv macht, ist der Heilige Geist Gottes, der in ihr wohnt.

Anm.5: Friedrich spricht sich hier gegen angeblich wirkliche, sichtbare Erscheinungen von Gespenstern aus, was verständlich ist. Sicherlich waren früher viele Menschen in einem unvorstellbaren Aberglauben gefangen. Nichtsdestotrotz entnehmen wir aus der Bibel, daß es den Teufel und Dämonen gibt, nur „erscheinen“ und wirken sie vermutlich ganz anders als man es sich gemeinhin vorstellt bzw. früher vorgestellt hat (Gespenster). Man könnte sich ja vorstellen, daß der Teufel und seine Dämonen so wirken, daß man z. B. Menschen begegnet, denen man lieber nicht begegnet wäre, oder das man von unnützen Gedanken überfallen wird, oder das man die Bibel in völlig abstruser Weise auslegt, etc.. Die Idee Jesus zu verraten, gab der Teufel Judas ins Herz.

Anm. 6: Ich hoffe und vermute Friedrich bezieht sich hier auf das, was unter dem Strich rauskommt, wenn Menschen die gute Religion verderben. Die christliche Religion an sich, so wie sie von Jesus gelehrt wurde, kann selbstverständlich von Leidenschaften frei machen. Es scheint nur leider in Deutschland recht selten vorzukommen, daß eine Kirche einmal genau das lehrt, was Jesus und die Apostel gelehrt haben.

Anm. 7: Friedrich meint das sicher so, daß diese Sekten eben falsche Vorstellungen vom Urchristentum hatten, was zu lächerlichem Treiben führte. Die wahre christliche Kirche hat seit 2000 Jahren die gleiche Lehre, die wir auch im Neuen Testament finden. Es bedarf jedoch großer Sachkenntnis und des Heiligen Geistes das Neue Testament richtig auszulegen. Ein guter Theologe wird auch immer nach etwas Orientierung suchen bei den Kirchenvätern und der Kirchengeschichte, um die richtige Lehre zu „erraten“. Die höchste Autorität ist selbstverständlich das Neue Testament selbst, denn es entstand im apostolischen Zeitalter und ist die Urverfassung der Kirche. Das Neue Testament kann auch keiner allein richtig auslegen, sondern das ist Gemeinschaftsarbeit. In der christlichen Gemeinschaft wirkt Gottes Geist, der die richtige Auslegung schenken kann.

Anm. 8: Man sollte aus dieser Aussage Friedrichs nicht den Schluss ziehen, er meinte, es sei egal was jemand persönlich glaubt. Es scheint vielmehr so, daß Friedrich die Religionsgemeinschaften in seinem Land unter guter Kontrolle hatte, sodaß Religionskriege vermieden wurden und die Leute unabhängig von ihrer Religion danach trachteten gute Staatsbürger zu sein. Wenn Friedrich die Religion, die er für die richtige hielt, bevorzugt hätte, wäre aus ihr wahrscheinlich eine herrschsüchtige Kirche in der Art der katholischen Kirche geworden und das wollte Friedrich vermeiden. Ein Staat muß sich tatsächlich darauf beschränken, die Tugendhaften zu loben und die Ungerechten zu bestrafen, aber die Religion muß frei bleiben. Staatsmänner müssen aber nicht die Äußerung machen, es sei egal, was man glaubt. Wenn ein Staatsmann nach seinem persönlichen Glauben gefragt wird, sollte er diesen ehrlich bekennen, dies wird dem Verhalten des Staates als ganzes, keine Religion zu bevorzugen, keinen Abbruch tun.

Kommentar zu Friedrich’s Werk:

Schade, daß Friedrich den evangelischen Glauben nur vor dem Hintergrund des schädlichen Papsttums für gut befinden konnte, ihn aber für sich allein genommen doch kritisieren mußte, entsprechend seinen Erfahrungen mit den preußischen Protestanten.

Die Reformation Luther’s war eine Meisterleistung, aber es scheint, daß die evangelische Kirche sich nie so entwickelt hat, wie Luther sich das vorstellte. Eigenartig auch, daß von der Bekennenden Kirche des Dritten Reiches nichts mehr übrig ist. Bonhoeffer war ein Genie und ein Segen für die Bekennende Kirche, aber über die heutige evangelische Kirche würde er die Stirn runzeln.

Wir müssen lernen, daß die Taufe ein Ruf in die Nachfolge ist. Die Nachfolge in einer gottlosen Welt wird uns einiges kosten, aber das sollten wir um des ewigen Lebens willen auf uns nehmen.

Sehr interessant ist auch noch die folgende Behauptung Friedrich’s aus dem Text:

Aber nicht aus den Umwälzungen in den religiösen Anschauungen konnte eine Reformation der Kirche hervorgehen. Der Scharfsinn der meisten denkenden Menschen richtet sich auf Dinge, bei denen ihr Eigennutz (Habgier, R. B.) und Ehrgeiz (Ehrsucht, R. B.) ins Spiel kommt. Wenige befassen sich mit abstrakten Ideen, und noch kleiner ist die Zahl derer, die gründlich über so wichtige Fragen nachdenken. Und das Volk, der achtbarste, zahlreichste und unglücklichse Teil der Gesellschaft, folgt Anregungen, die man ihm gibt.

Den Anstoß gab also nicht die tyrannische Macht, die der (katholische, R. B.) Klerus über die Gewissen ausübte.  Die Priester nahmen dem Volke seine Habe und seine Freiheit: diese Sklaverei, die täglich drückender wurde, erregte schon Unwillen. Der stumpfsinnigste wie der geistvollste Mensch spürt je nach dem Grade seiner Empfindlichkeit das Leid, das ihm zugefügt wird. Alle streben nach Wohlbefinden; eine Zeitang halten sie still, aber schließlich geht ihnen die Geduld aus. Die Knechtung so vieler Völker hätte also ohnedies zu einer Reformation geführt, hätte nicht der römische (=katholische, R. B.) Klerus, durch innere Zwistigkeiten aufgewühlt, selbst das Zeichen zur Befreiung gegeben, indem er die Fahne der Empörung gegen den Papst aufpflanzte.

Friedrich behauptet also, daß Viele die Reformation nicht aus geistlichen Gründen begrüßten, sondern aus materiellen Gründen. Luther beobachtete zu seiner Zeit, daß Viele die evangelische Freiheit mißbrauchten und schlimmer lebten und sündigten als unter dem Papsttum. Vielleicht ist das das Grundübel der evangelischen Kirche: Man will evanglisch sein nur in dem Sinn, daß man nicht unter der Herrschaft des Papstes ist, aber wirklich Christ sein, will man auch nicht.

Ergänzung vom 31.10.2014

Ich habe mittlerweile Friedrich’s „Vorrede zum Auszug aus Fleury’s Kirchengeschichte“ gelesen. Bisher ging ich tatsächlich davon aus, Friedrich sei insgeheim Christ gewesen, weil er die Tugend so favorisiert. Durch das Lesen von Friedrich’s „Vorrede zum Auszug aus Fleury’s Kirchengeschichte“ wurde mir aber klar, daß Friedrich kein Anhänger des ursprünglichen, wahren Christentums einschließlich seiner Lehre von Jesus als dem Sohn Gottes war, sondern Friedrich favorisierte nur die Morallehre Jesu bzw. die christliche Morallehre. Die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu betrachtete er als ein Dogma, das die Kirche erst nachträglich hinzugefügt habe, das also nicht von Jesus und den Aposteln stammte. Friedrich betrachte die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu sogar als angeblich schädlich. Er hielt diese Lehre für die Ursache vieler Glaubenskriege – und wenn sich Menschen gegenseitig den Schädel einschlagen, ist das natürlich der Morallehre von Jesus diametral entgegengesetzt, also schädlich (so dachte Friedrich). Soweit ich aber weiß, haben weniger die Anhänger der korrekten Lehre die Irrlehrer und deren Anhänger verfolgt, sondern umgekehrt die Irrlehrer und ihr Anhang die wahre Kirche. Friedrich täuschte sich also sehr. Friedrich war definitiv kein Christ, denn wer nicht glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, der kann kein tugendhaftes Leben im christlichen Sinne führen, denn er entbehrt der Erlösung, die in Christus Jesus ist.

 

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