Antimachiavel/Kapitel 18

Bitte lesen Sie erst das Vorwort des Buches Antimachiavel von Friedrich dem Großen, bevor Sie Kapitel 18 des Antimachiavel lesen.

Hinweis: Auch zu Friedrich’s (ich meine Friedrich den Großen bzw. Friedrich II., König von Preußen, Förderer der Aufklärung) Zeiten erfuhr der sogenannte “Fürst” von Machiavelli eine erhebliche Rezeption in den Kreisen der Staatsmänner. Dies erregte äußerstes Missfallen bei dem tugendhaften Friedrich, denn in dem Buch ”Der Fürst” finden sich nahezu perfide Verhaltensregeln für Politiker, die für einen rechtschaffenen Politiker wie Friedrich völlig inakzeptabel waren. 
Das Buch Friedrichs gegen den “Fürsten” heißt “Der Antimachiavel” oder “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli”. Daneben gibt es noch eine Ausgabe des “Antimachiavel”, die von Voltaire bearbeitet worden ist und folgendermaßen bezeichnet wird: “Der Antimachiavel oder Untersuchung von Machiavellis ‘Fürst’”.
Der folgende Text stammt aus dem originalen “Antimachiavel” bzw. “Widerlegung des ‘Fürsten’ von Machiavelli” von Friedrich, der nicht von Voltaire bearbeitet wurde.

 

Antimachiavel, Kapitel 18, von Friedrich dem Großen, König von Preußen und Förderer der Aufklärung

Es liegt in der Natur der Dinge, dass etwas, das von Grund auf schlecht ist, immer schlecht bleiben wird. Selbst ein Cicero oder ein Demosthenes würde vergeblich seine Redekunst bemühen, wollte er der Welt diesbezüglich etwas vormachen. Die Beredsamkeit würde man zwar loben, den erbärmlichen Missbrauch, der damit getrieben wird, jedoch zurückweisen. Das Ziel eines Redners sollte es sein, den Unschuldigen gegen den Unterdrücker oder gegen den Verleumder in Schutz zu nehmen, die Motive zu erörtern, die es annehmbar machen, einen Entschluss zu fassen und jeweils die bessere Entscheidung zu treffen, aufzuzeigen, wie erhaben und schön die Tugend und wie verwerflich und hässlich das Laster ist. Doch die Redekunst, die dem Gegenteil von allem dient, sollte man verabscheuen.

Machiavelli, der bösartigste und ruchloseste unter den Menschen, arbeitet im vorliegenden Kapitel mit allen Argumenten, die ihm die Raserei eingibt, um das Verbrechen hoffähig zu machen. Doch er strauchelt und fällt auf seinem Weg der Ruchlosigkeit so oft, dass ich hier lediglich die Stellen anmerken musss, wo er verunglückt. Das Durcheinander und die Fehlschlüsse in diesem Kapitel sind nicht zu zählen; es ist vielleicht im ganzen Buch das Kapitel, in dem die Boshaftigkeit und die argumentative Schwäche zugleich ihren Höhepunkt erreichen. Das Denkvermögen ist so unzulänglich wie die Moral schlecht ist. Dieser Sophist des Verbrechens wagt es zu behaupten, die Fürsten könnten die Welt durch Verstellung hintergehen. Hier soll meine Widerlegung einsetzen.

Man weiß, wie neugierig das Publikum (= Öffentlichkeit, R.B.) ist; es gleicht einem Tier, das alles sieht, alles hört und alles, was es gesehen und gehört hat, weiterverbreitet. Beschäftigt sich die Neugier dieses Publikums mit dem Verhalten von Privatpersonen, so ist dies müßiger Zeitvertreib; beurteilt die Öffentlichkeit aber den Charakter der Fürsten, so tut sie dies aus Eigennutz. Daher sind die Fürsten mehr als alle anderen Menschen den Betrachtungen und Beurteilungen der Welt ausgesetzt; sie sind gleichsam Gestirne, auf die ein Volk von Astronomen seine Sextanten und Astrolaben gerichtet hat. Die Höflinge, die sie aus nächster Nähe beobachten, machen täglich ihre Bemerkungen; eine Geste, ein Wimpernschlag, ein Blick verrät sie, und die Völker versuchen, ihnen bereits durch Vermutungen näher zu kommen. Mit einem Wort: Sowenig die Sonne ihre Flecken verdecken kann, der Mond seine Veränderungen, Saturn seine Ringe, sowenig können die großen Fürsten ihre Laster und den Kern ihres Charakters vor den Augen so vieler Beobachter verbergen.

Selbst wenn ein Fürst seine natürliche Missgestalt eine Zeit lang mit der Maske der Verstellung bedeckte, wäre es ihm unmöglich, diese Maske ununterbrochen zu tragen. Er müsste sie gelegentlich lüften, und sei es nur, um zu atmen. Solch ein Umstand allein kann schon ausreichen, um den Neugierigen Genüge zu tun.

List und Verstellung werden also vergeblich auf den Lippen dieses Fürsten wohnen; Verschlagenheit in seinem Reden und Handeln wird ihm nichts nutzen. Man beurteilt die Menschen nicht nach ihren Worten, auf diese Weise würde man sich stets täuschen; aber man vergleicht ihre Taten untereinander und dann ihre Taten mit ihren Worten. Dagegen werden Falschheit und Verstellung nie etwas ausrichten können.

Gut spielt man nur sein eigenliches Ich, denn man muss wirklich den Charakter besitzen, mit dem man in der Welt wahrgenommen werden will, sonst ist derjenige, der meint, die Öffentlichkeit zu hintergehen, selbst der Betrogene.

Sixtus V., Philipp II. und Cromwell galten in der Welt als schlaue, verschlagene, heuchlerische und unternehmende, nie aber als tugendhafte Männter. Es ist also unmöglich, sich zu verstellen: So geschickt ein Fürst auch sein mag und so genau er sämtliche Maximen Machiavellis befolgt, nie wird es ihm gelingen, den Verbrechen, die ihm angelastet werden, den Anstrich einer Tugend zu verleihen, die er nicht besitzt.

Nicht besser äußert sich Machiavelli, der Verderber der Tugend, zu den Gründen, die die Fürsten zu Arglist und Heuchelei veranlassen können. Die Fabel vom Zentauren auf witzige, aber falsche Weise anzuwenden, beweist nichts. Folgt denn aus der Tatsache, dass dieser Zentaur zur Hälfte die Gestalt des Menschen und zur Hälfte die des Pferdes hat, dass die Fürsten listig und grausam sein müssen? Man muss schon sehr darauf versessen sein, eine Lehre des Verbrechens aufstellen zu wollen, wenn man mit so schwächlichen und dazu noch so weithergeholten Argumenten arbeitet.

Nun aber zu einem Gedankengang, der erbärmlicher ist als alles, was wir bislang gesehen haben. Der Staatslehrer verlangt von einem Fürsten die Eigenschaften des Löwen und des Fuchses: des Löwen, um sich der Wölfe zu erwehren, des Fuchses wegen dessen Schläue. Und er schlussfolgert: „Das lässt erkennen, daß ein Fürst nicht verpflichtet ist, sein Wort zu halten.“ Das ist ein Schluss ohne Prämissen; würde ein Schüler auf dem Gymnasium in diesem Stil argumentieren, sein Lehrer würde ihn hart bestrafen – und der Doktor des Verbrechens schämt sich nicht, seine ruchlosen Lektionen so herunterzustottern?

Wollte man in Machiavellis wirre Gedanken etwas wie Redlichkeit und gesunden Menschenverstand bringen, könnte man sie ungefähr auf folgende Art wenden: Die Welt gleicht einer Spielpartie, an der ehrliche Spieler beteiligt sind, aber auch Spitzbuben, die mogeln. Damit also ein Fürst, der bei einer solchen Partie mitspielen muss, nicht betrogen wird, muss er wissen, wie beim Spiel gemogelt wird, aber nicht etwa, um solche Kenntnisse selbst anzuwenden, sondern, um nicht auf die anderen hereinzufallen.

Kehren wir zu den Entgleisungen unseres Staatslehrers zurück. „Weil alle Menschen, sagt er, „Schurken sind und sie zu jeder Zeit ihr Wort brechen, ist man ihnen gegenüber auch nicht verpflichtet, das seine zu halten.“ Darin liegt zum einen ein Widerspruch; denn unmittelbar anschließend sagt der Autor, Menschen, die sich verstellen, würden immer genug Einfältige finden, die sich betrügen lassen. Wie reimt sich das zusammen? Alle Menschen sind Schurken, und: Sie werden genug Einfältige finden, die sich betrügen lassen! Soviel zu seinem Widerspruch. Doch ist die Überlegung insgesamt nicht viel besser; denn dass die Welt nur aus Schurken besteht, ist grundfalsch. Man muss schon ein großer Menschenfeind sein, um nicht zu sehen, dass es in jeder Gesellschaft viele ehrbare Leute gibt sowie die große Zahl derer, die weder gut noch böse sind, und dass es eben auch einige Halunken gibt, hinter denen die Justiz her ist und die sie hart bestraft, wenn sie sie fasst. Hätte Machiavelli aber nicht vorausgesetzt, die Welt sei voller Schurken, worauf hätte er seine abscheuliche Maxime dann gründen sollen? Man sieht, dass er angesichts seiner Entschlossenheit, eine Lehre des Betrugs aufzustellen, es als eine Ehrensache betrachten musste, so vorzugehen. Und er hielt es für statthaft, die Menschen zu hintergehen, wenn man sie lehrt zu betrügen. Selbst wenn wir annehmen würden, die Menschen wären so böse, wie Machiavelli meint, würde daraus doch keineswegs folgen, dass wir sie nachahmen müssten. Cartouche mag stehlen, plündern, morden, ich schliesse daraus, dass Cartouche eine elender Gauner ist, aber nicht, dass ich mein Verhalten nach dem seinigen ausrichten muss. Wenn es in unserer Welt keine Ehre und keine Tugend mehr gäbe, sagt ein Historiker, dann müsste man deren Spuren bei den Fürsten wiederfinden. Kurz gesagt, es gibt keine Betrachtungsweise, die einen redlichen Menschen dazu bringen könnte. der Pflicht auszuweichen.

Nachdem der Autor die Notwendigkeit des Verbrechens nachgewiesen hat, möchte er seine Schüler mit der Leichtigkeit, mit der es begangen wird, dazu ermuntern. „Wer sich auf die Kunst der Verstellung versteht“, sagt er, „wird immer Menschen finden, die einfältig genug sind und die er hinters Licht führen kann.“ Das heißt verkürzt soviel wie: „Ihr Nachbar ist ein Dummkopf und Sie besitzen Geist, Sie müsssen ihn also betrügen, weil er ein Dummkopf ist. Das sind Syllogismen, deretwegen manch ein Schüler Machiavellis auf dem Greve-Platz gehenkt und gerädert wurde.

Nicht zufrieden damit, auf seine Weise nachgewiesen zu haben, wie leicht es ist, ein Verbrechen zu begehen, hebt der Staatslehrer nun hervor, wie viel Glück man mit Treulosigkeit haben kann. Peinlich dabei ist nur, dass dieser Cesare Borgia, der größte Schurke, der größte Verräter, der Hinterlistigste unter den Menschen, dass dieser Cesare Borgia, der Held Machiavellis, in Wirklichkeit ein ganz unglücklicher Mensch war. Machiavelli hütet sich in diesem Zusammenhang sehr wohl, über ihn zu sprechen. Er brauchte Beispiele; woher aber sollte er diese nehmen, wenn nicht aus den Registern der Strafprozesse oder aus der Geschichte der Päpste? Er entscheidet sich für die Zweiten und versichert, dass Alexander VI., der hinterhältigste und gottloseste Mensch seiner Zeit, mit seinen Betrügereien immer Erfolg gehabt habe, da er die Schwäche der Menschen, was die Leichtgläubigkeit angeht, sehr genau kannte.

Ich behaupte hingegen, dass es nicht so sehr die Leichtgläubigkeit der Menschen als vielmehr gewisse Ereignisse und Umstände waren, die zum Gelingen der Pläne dieses Papstes beitrugen. Der Gegensatz zwischen den französischen und den spanischen Ansprüchen, der Zwist und der Hass unter den italienischen Familien, die Leidenschaften und die Schwäche Ludwigs XII. sowie die Summen, die seine Heiligkeit erpresste und die Alexander VI. sehr mächtig werden ließen, trugen nicht weniger dazu bei.

Sogar in der Politik ist Betrügerei ein Stilbruch, wenn man darin zu weit geht. Ich zitiere als Autorität einen großen Politiker, den Kardinal Mazarin, der von Don Luis de Haro sagte, dieser habe als Staatsmann einen großen Fehler, weil er immer auf Betrug aus sei. Als derselbe Mazarin einmal Marshall von Fabert mit einer heiklen Verhandlung betrauen wollte, sagte Herr Fabert zu ihm: „Monseigneur, Gestatten Sie, dass ich es ablehne, den Herzog von Savoyen zu betrügen, umso mehr, als es sich dabei nur um eine Kleinigkeit handelt. Ich bin in der Welt als Ehrenmann bekannt, sparen Sie also meine Rechtschaffenheit für eine Gelegenheit auf, bei der es sich um das Wohl Frankreichs handelt.“

(Fortsetzung folgt)

 

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