Friedrich der Große – Staatsbürger oder Christ?

Bis vor wenigen Tagen, war ich über die Maßen begeistert von Friedrich dem Großen, König von Preußen, Förderer der Aufklärung. Grund für meine Begeisterung war das Folgende: Friedrich war ein großer Befürworter tugendhaften Verhaltens, der Tugend. Er meinte, man müsse den Menschen wieder beibringen, daß letztlich doch tugendhaftes Verhalten der Weg zum Glück sei und nicht die Verschlagenheit. Eine Zeit lang ging ich davon aus, Friedrich habe das Christentum bis in seine Tiefe verstanden, denn auch beim ursprünglichen Christentum spielt das tugendhafte Verhalten eine große Rolle. Oftmals scheint das tugendhafte Verhalten zunächst (im gegenwärtigen Augenblick) zu persönlichen Nachteilen zu führen, jedoch bringt es langfristig nur Vorteile. Die Herausforderung besteht darin, nicht auf die Gegenwart zu schauen sondern auf die Zukunft. Diese Erkenntnis scheint Friedrich nicht fremd gewesen zu sein. Das Christentum geht aber noch weit über diese Erkenntnis hinaus; es hat auch eine metaphysische Komponente. Bitte lesen Sie folgenden Text von Friedrich. Dieser Text zeigt, daß Friedrich zwar die Morallehre des Christentums sehr schätzte, aber die Lehre von Jesus Christus, der Mensch und Gott zugleich war, ablehnte:

Friedrich’s „Vorrede zum Auszug aus Fleurys Kirchengeschichte“ (1766)

„Das Christentum hat wie alle Mächte der Welt einen bescheidenen Anfang gehabt. Der Held dieser Sekte ist ein Jude aus der Hefe des Volkes, von zweifelhafter Herkunft (siehe Anmerkung 1, unten; R. B.), der in die Abgeschmacktheiten der alten hebräischen Weissagungen gute Morallehren flicht, dem man Wunder zuschreibt und der am Ende zu schimpflichem Tode verurteilt wird. Zwölf Schwärmer verbreiten seine Lehre vom Morgenland bis nach Italien, gewinnen die Geister durch die reine und heilige Moral, die sie predigen, und lehren – einige Wunder abgerechnet, die Menschen mit glühender Einbildungskraft aufregen konnten – nichts als Deismus.

Die christliche Religion begann sich zu der Zeit auszubreiten, wo das römische Reich unter der Tyrannei einiger Wüteriche seufzte, die es nach einander beherrschten. Der Bürger, der unter ihrem blutigen Regiment schon auf alles Elend gefaßt war, das die Menschheit befallen kann, fand nirgends Trost und Beistand gegen so große Leiden außer im Stoizismus. Die christliche Moral war mit der stoischen Lehre verwandt: das ist die einzige Ursache der raschen Fortschritte, die das Christentum machte (siehe Anmerkung 2, unten; R.B.).

Seit der Regierung des Claudius hielten die Christen zahlreiche Versammlungen ab, in denen sie ihre Liebesmahle oder gemeinsamen Mahlzeiten einnahmen. Die Häupter der Regierung schöpften um so mehr Verdacht, als sie sich ihrer Tyrannei bewußt waren. Sie verboten diese Versammlungen, die heimlichen Zusammenkünfte und jede Zusammenrottung des Volkes; denn sie fürchteten, es könnte sich daraus eine Verschwörung entspinnen und irgend ein kühner Volksführer möchte die Fahne der Empörung aufpflanzen. Der Glaubenseifer der Frommen trotzte dem Verbot des Senates. Einige Schwärmer störten die Opferfeiern und trieben ihre fromme Frechheit so weit, daß sie die Götterbilder umstürzten. Andere zerrissen die kaiserlichen Edikte. Ja, einige Christen, die in den Legionen dienten, verweigerten den Gehorsam. Das war der Grund zu den Verfolgungen, die die Kirche sich zum Triumph anrechnet. Daher die gerechte Bestrafung einiger obskurer Christen, die als Übertreter der Staatsgesetze und als Störer des bestehenden Kultus hingerichtet wurden. Natürlich mußten die Christen diese Schwärmer vergöttern. Die heidnischen Henker bevölkerten das Paradies. Nach der Hinrichtung sammelten Priester die Gebeine der Märtyrer und bestatteten sie ehrenvoll. Nun mußten bei ihren Gräbern Wunder geschehen. Das Volk in seinem dumpfen Aberglauben verehrte die Asche der Blutzeugen. Bald stellte man ihre Bilder in den Kirchen auf, und heilige Betrüger, die einander zu übertreffen suchten, führten allmählich die Anrufung der Heiligen ein. Sie wußten wohl, daß dieser Brauch gegen das Christentum und besonders gegen das mosaische Gesetz verstieß. Um also den Schein zu retten, unterschieden sie zwischen Anbetung und Verehrung. Das dumme Volk aber, das keine Unterschiede macht, betete plump und ehrlich die Heiligen an. Indes kam dies Dogma und der neue Kultus nur allmählich in Aufnahme. Er wurde erst nach der Regierung Karls des Großen, um die Mitte des neunten Jahrhunderts, fest begründet.

Durch ähnliche Fortschritte kamen alle neuen Dogmen zur Macht. Im Urchristentum hatte Christus für einen Menschen gegolten, an dem das höchste Wesen Wohlgefallen fand. Als Gott wird er in den Evangelien nirgends bezeichnet, wenn anders man nicht Aussprüche wie Gottes Sohn, Sohn Belals mißversteht, die nur sprichwörtliche Redensarten der Juden zur Bezeichnung der Güte oder Schlechtigkeit eines Menschen waren. Die Meinung, daß Christus Gott sei, kam erst in der Kirche auf und befestigte sich schließlich durch die Spitzfindigkeit einiger griechischer Philosophen von der peripatetischen Sekte, die zum Christentum übergetreten waren. Sie bereicherten es mit einem Teil jener dunklen Metaphysik, in die Plato einige Wahrheiten gehüllt hatte, deren Bekanntgabe ihm zu gefährlich erschien.

Im Kindesalter der Kirche, in den ersten Jahrhunderten, wo die Machthaber und Beherrscher des römischen Reiches Heiden waren, konnten die Förderer einer noch im Dunkeln lebenden Sekte keine Macht erlangen. Folglich mußte die Regierungsform der Kirche notwendig republikanisch sein. In den Lehren herrschte insgemein keinerlei Zwang, und die Christen blieben bei der größten Mannigfaltigkeit ihrer Ansichten doch immer vereint. Zwar verfocht mancher starrsinnige Priester seine Glaubenssätze hartnäckig und bäumte sich gegen jeden Widerspruch auf. Aber dieser Eifer beschränkte sich bloß auf das Disputieren. Die Geistlichen hatten keine Macht zur Verfolgung und daher keine Mittel, ihre Gegner zu ihrer Denkweise zu zwingen.

Zu Beginn des vierten Jahrhunderts, als Konstantin sich aus politischen Gründen zum Beschützer des Christentums aufwarf, änderte sich alles. Kaum saß er fest auf dem Throne, so schrieb er ein ökumenisches Konzil nach Nizäa aus (325). Von den Kirchenvätern, die zu diesem Konzil erschienen, stimmten dreihundert gegen Arius (Irrlehrer, schlimmer noch, Häresiarch; Anmerkung von R. B.). Sie erklärten und bestätigten rundweg die Göttlichkeit Christi, fügten ins Glaubensbekenntnis die Worte »Gottes eingeborener Sohn« ein und taten schließlich die Arianer in Bann. So erwuchsen bei jeder Kirchenversammlung neue Dogmen. Beim Konzil zu Konstantinopel (331) kam die Reihe an den Heiligen Geist. Den versammelten Kirchenvätern wäre es indessen wohl schwer gefallen, die dritte Person der Gottheit zum Vater und Sohn hinzuzufügen, wäre ihnen nicht ein Priester zu Hilfe gekommen, der verschmitzter und durchtriebener war als die anderen. Er flickte nämlich einen eigens ersonnenen Vers vorn an das Johannesevangelium an: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort« usw. So grob der Betrug in unserer Zeit scheinen würde, so war er es damals doch nicht. Denn schon hatten anstatt des Volkes die Bischöfe die Bewahrung des Glaubens und der Schriften in die Hände bekommen und aus einer Menge von Schriften eine Anzahl ausgewählt, die sie für kanonisch erklärten. Zu diesem Vorteil, den sie bereits hatten, kam noch die Spaltung des Reiches, kamen die Kriege und die Verheerungen der Barbaren, die die Wissenschaft zerstörten und Unwissenheit und Dummheit beförderten. So war das Betrügen denn, wie man einsieht, keine große Kunst. Unbildung, Aberglaube und Stumpfsinn hatten ihm lange genug vorgearbeitet. Hätte auch jemand gewagt, die Stelle im Johannesevangelium für interpoliert zu erklären, so brauchte man ja nur zu sagen, die Originalhandschrift sei erst neuerdings entdeckt worden.

Als Stifter neuer Dogmen mußten die Bischöfe sich notwendig ihrer Macht und ihres Einflusses bewußt werden. Es liegt in der Menschennatur, die Vorteile, die man hat, auszunutzen. Auch die Geistlichen waren Menschen und handelten demgemäß. Immerhin gingen sie mit einem gewissen Geschick zu Werte. Irgend ein Waghalsiger, den sie vorschoben, mußte eine neue Meinung äußern, die für sie vorteilhaft war und die sie annehmen wollten. Dann beriefen sie ein Konzil, und da wurde die Meinung als Glaubensartikel festgesetzt. So fand irgend ein Mönch in einer Stelle der Makkabäer die Lehre vom Fegefeuer. Die Kirche nahm sie an, und das neue Dogma brachte ihr mehr Schätze ein, als Spanien durch die Entdeckung von Amerika gewonnen hat. Ähnlichen Machenschaften ist auch die Verfertigung der falschen Dekretalien zuzuschreiben, die den Päpsten zum Schemel ihres Thrones gedient haben, von dem herab sie fortan den bestürzten Völkern Gesetze diktierten.

Bevor die Kirche aber zu dieser Höhe emporstieg, machte sie noch mehrere Wandlungen durch. Während der ersten drei Jahrhunderte dauerte die republikanische Form fort. Seit Kaiser Konstantins Übertritt zum Christentum aber entstand eine Art von Aristokratie, deren Häupter die Kaiser, die Päpste und die vornehmsten Patriarchen waren. Diese Regierungsform erfuhr in der Folge Veränderungen, wie alles Menschenwerk. Wenn Ehrgeizige miteinander um Macht und Ansehen buhlen, so sparen sie weder List noch Kunstgriffe, um einander zu verdrängen, und am Ende siegen die Geriebensten über ihre Rivalen. Die Schlausten waren diesmal die Päpste. Sie benutzten die Schwäche des oströmischen Reiches, um die Macht der Cäsaren an sich zu reißen und die Rechte der Kaiserkrone auf die päpstliche Tiara zu übertragen. Gregor III. war der erste, der das versuchte. Papst Stephan III. ging auf diesem Wege weiter. Vom Longobardenkönig Aistulph aus Rom vertrieben, floh er nach Frankreich und krönte dort den Usurpator Pippin (754), unter der Bedingung, daß Pippin Rom von den Longobarden befreite. Nach Rom zurückgekehrt, schrieb der Papst, um die Hilfe aus Frankreich zu beschleunigen, einen Brief an den König, den er im Namen der Jungfrau, des heiligen Petrus und aller Heiligen gekrönt hatte, und drohte ihm mit ewiger Verdammnis, wenn er ihn nicht schleunigst vom Druck der Longobarden befreite. Das fränkische Reich, auf das er keinerlei Recht besaß, hatte er Pippin geschenkt, und Pippin schenkte ihm dafür – so behauptete er wenigstens – Rom und das römische Gebiet, das doch eigentlich den Kaisern in Konstantinopel gehörte. Darauf wurde Karl der Große vom Papstes zu Rom gekrönt (800) – nicht, weil er glaubte, die Kaiserkrone kraft päpstlicher Gnade zu empfangen, sondern, weil geschrieben steht, daß Samuel die Könige Saul und David salbte. Durch diese Zeremonie wollten die Kaiser nur Dem huldigen, der nach seinem Willen die Reiche erhebt oder erschüttert, erhält oder stürzt. Aber so verstanden die Päpste es nicht.

Unter Ludwig dem Frommen, Karls des Großen Sohn, erhob Gregor IV. seine geistliche Macht über die weltliche und machte dem Kaiser begreiflich, daß sein Vater Krone und Reich nur dem Heiligen Stuhle zu danken hätte. So deuteten die Päpste, die Ausleger der Mysterien, die Salbung der Herrscher! Man hielt sie für Statthalter Christi; sie erklärten sich für unfehlbar und wurden angebetet. Die Finsternis der Unwissenheit wurde von Jahrhundert zu Jahrhundert tiefer. Was bedurfte es noch mehr, um dem Betrug Ansehen und Verbreitung zu verschaffen?

Die stets rastlose Politik der Geistlichkeit machte immer neue Fortschritte. Ein Mönch von anmaßendem, strengem und kühnem Charakter, namens Hildebrand, bekannter als Gregor VII., legte den eigentlichen Grund zur Größe des Papsttums. Er kannte kein Maß mehr, schrieb sich das Recht zu, Kronen auszuteilen und zu nehmen, Königreiche in den Bann zu tun, Untertanen vom Treueid zu entbinden. Seine Ansprüche waren grenzenlos, wie man sich aus seiner berüchtigten Bulle In coena Domini überzeugen kann.

Von seinem Pontifikat an muß man die Epoche des Despotismus der Kirche rechnen. Seine Nachfolger legten den Geistlichen die Vorrechte zu, die im alten Rom die Volkstribunen besaßen. Ihre Person wurde für unverletzlich erklärt, und um sie gänzlich der Strafgewalt ihrer rechtmäßigen Herrscher zu entziehen, entschieden die Konzile, der Niedere könne in keinem Fall über den Höheren richten, was im Stil der Zeit soviel hieß wie: die Fürsten hätten in ihren Staaten keine Gewalt über den Klerus. Durch dies Mittel sicherte sich der römische Bischof einen Anhang, ein Heer, das stets bereit war, in allen Ländern auf seinen Befehl zu kämpfen. So ungereimt uns derartige Unternehmungen heute vorkommen, so waren sie es damals doch nicht. Die Schwäche des in Europa allgemein eingeführten Feudalsystems, die großen Vasallen, die als geborene Feinde ihrer Lehnsherren die Bannbullen der Päpste aus Eigennutz unterstützten, benachbarte Fürsten, die Neider oder Feinde des Exkommunizierten waren, die Priester, die ganz dem päpstlichen Stuhle anhingen und der Macht ihres weltlichen Herrschers entzogen waren – all das waren Mittel, um die Könige zu plagen. So viele gemeinsame Interessen schufen den Päpsten eifrige und begeisterte Vollstrecker ihrer Bullen!

Wir wollen hier die Streitigkeiten zwischen Kaisern und Päpsten über ihre Ansprüche auf die Stadt Rom, über die Belohnung mit Stab und Ring oder über die Erbfolge in den Ländern der Markgräfin Mathilde nicht aufzählen. Wie jedermann weiß, haben allein diese geheimen Triebfedern die häufigen Exkommunikationen der Kaiser und Könige veranlaßt. Die Art von Hochmut, die aus schrankenloser Macht erwächst, brach nie anstößiger hervor, als in dem Betragen Gregors VII. gegen Kaiser Heinrich IV. Im Schlosse zu Canossa, wo er mit der Markgräfin Mathilde saß, zwang der Papst den Kaiser zu den erniedrigendsten und schimpflichsten Demütigungen, bevor er ihn vom Kirchenbann lossprach (1077). Trotzdem darf man nicht glauben, die Wirkung der Bullen und Bannstrahlen sei überall die gleiche gewesen. Für die Kaiser war sie furchtbarer als für die Könige von Frankreich. Die gallische Krone galt für unabhängig, und die Franzosen erkannten die Gewalt der römischen Bischöfe nur in geistlichen Dingen an.

So groß aber auch die Macht der Päpste war, jede Exkommunikation eines Kaisers zog doch einen Bürgerkrieg in Italien nach sich. Oft wurde der Papstthron dadurch erschüttert. Einige Päpste wurden aus ihrer Hauptstadt vertrieben, flohen in andere Länder und suchten Schutz bei einem Herrscher, der ein Feind ihres Verfolgers war. Allerdings kehrten sie triumphierend nach Rom zurück, aber nicht mit Waffengewalt, sondern dank ihrer Geschicklichkeit: so sehr war ihre Politik der der weltlichen Fürsten überlegen!

Um sich jedoch der Ebbe und Flut des Glückes zu entziehen, erfanden sie Triebfedern, die, einmal in Bewegung gesetzt, ihre Herrschaft sichern und ihren Despotismus befestigen mußten. Der Leser merkt gewiß schon, daß wir auf die Kreuzzüge hinauswollen. Um die Schwärmer zusammenzubringen, wurden Ablässe erteilt. Das heißt, jedem, der sich dem Dienste der Kirche und des Heiligen Vaters widmete, wurde Straflosigkeit für alle seine Verbrechen zugesichert. Um sich in Palästina herumzuschlagen, wo man gar nichts zu fordern hatte, um das Heilige Land zu erobern, das die Kosten des Zuges nicht wert war, verließen Fürsten, Könige und Kaiser mit zahllosen Heerscharen aus allen europäischen Ländern ihre Heimat und setzten sich in weiter Ferne unvermeidlichen Gefahren aus. Angesichts der unglücklichen Folgen so schlecht entworfener Pläne lachten sich die Päpste ins Fäustchen über die törichte Verblendung der Menschen und freuten sich ihres eigenen Erfolges. Während der freiwilligen Verbannung so vieler Menschen fand Rom nirgends Widerstand gegen seinen Willen, und solange dieser Wahnsinn dauerte, schalteten die Päpste unumschränkt über Europa. Als man in Rom merkte, daß die Völker durch die Mißerfolge der Kreuzzüge den Mut verloren, war man klüglich darauf bedacht, sie wieder anzufeuern durch die Hoffnung auf besseres Gelingen, die ihnen irgend ein tonsurierter Betrüger machen mußte. Bei mehreren Gelegenheiten diente Bernhard von Clairvaux dem Heiligen Stuhle zum Werkzeuge. Seine Beredsamkeit war ganz dazu angetan, das Gift dieser Epidemie zu verbreiten. Er schickte viele Schlachtopfer nach Palästina, hütete sich aber wohl, selbst hinzugehen. Was war der Erfolg so vieler Unternehmungen? Kriege, die Europa entvölkerten, Eroberungen, die, kaum gemacht, wieder verloren gingen. Ja, die Christen öffneten dadurch selbst die Bresche, durch die die Türken in Europa eindrangen und sich in Konstantinopel festsetzten.

Noch größer war das moralische Elend, das die Kreuzzüge hervorriefen. All die Ablässe, all die Vergebungen von Verbrechen, die man an den Meistbietenden verkaufte, bewirkten allgemeine Entsittlichung. Die Gesinnung der Menschen wurde immer verderbter. Die so heilige und lautere christliche Moral geriet ganz in Verfall, und auf ihren Trümmern erhoben sich äußerlicher Gottesdienst und abergläubische Gebräuche. Waren die Schätze der Kirche erschöpft, so versteigerte man das Paradies und bereicherte damit die päpstlichen Kassen. Wollten die Päpste einen Herrscher, mit dem sie unzufrieden waren, bekriegen, so predigten sie den Kreuzzug gegen ihn, bekamen Truppen und konnten sich schlagen. Wollte der Heilige Stuhl einen Fürsten stürzen, so ward er für einen Ketzer erklärt und in den Bann getan. Auf dies Losungswort hin rottete sich alles gegen ihn zusammen.

Durch solche Maßnahmen wurde das despotische Joch der Päpste immer drückender. Die Großen der Welt waren seiner längst überdrüssig und hätten es gern abgeschüttelt, wagten es aber nicht. Die Macht der meisten war zu wenig befestigt, und die große Masse ihrer Untertanen, die in der tiefsten Unwissenheit schmachtete, war durch die Ketten des Aberglaubens gleichsam gebunden und geknebelt. Zwar versuchten einige ihre Zeit überragende Geister, den betörten Völkern die Augen zu öffnen und sie durch das schwache Licht des Zweifels zu erleuchten, aber die Tyrannei der Kirche vereitelte alle ihre Bemühungen. Sie hatten mit Richtern zu tun, die zugleich Partei waren. Ihnen drohten Verfolgung, Kerker und Schmach, ja selbst die Flammen, die bereits von den Scheiterhaufen der Inquisition aufloderten.

Zur Vervollständigung des Bildes dieser Zeiten des Schwindelgeistes und der Verdummung denke man sich noch die Pracht und Üppigkeit der Bischöfe hinzu, die dem allgemeinen Elend gleichsam Hohn sprach, das schamlose Leben und die schwarzen Verbrechen so vieler Päpste, die die Moral des Evangeliums dreist Lügen straften, den Ablaßschacher, diesen offenbaren Beweis, daß die Kirche, um sich zu bereichern, das Heiligste des Glaubens verriet. Kurz, die Päpste trieben Mißbrauch mit ihrer auf die Leichtgläubigkeit der Menschen gegründeten Macht, genau wie heutzutage manche Völker ihren Staatskredit mißbrauchen. All dieser gehäufte Zündstoff bereitete die Reformation vor.

Der Vollständigkeit halber müssen wir einen Umstand erwähnen, der die Ausführung erleichterte. Seit dem Konzil zu Konstanz, wo Kaiser Sigismund drei Päpste hintereinander absetzen ließ, fürchtete der Heilige Stuhl die allgemeinen Kirchenversammlungen ebensosehr, als er sie bis dahin gewünscht hatte. Die Väter zu Konstanz hatten erklärt: ein Konzil habe durch göttliches Recht die Macht, die Päpste zu reformieren und abzusetzen. Schon zur Zeit der Ottonen hatten die Kaiser aus Unwillen darüber, die Bannflüche von ihren Vorfahren mitzuerben, auch ihrerseits die Religion und die Versammlungen der Bischöfe geschickt benutzt, um den römischen Bischof abzusetzen und ihn mit seinen eigenen Waffen zu bekriegen. Seit dem großen Schisma der abendländischen Kirche verloren die Päpste viel von ihrem Staatskredit. Unheilige Hände griffen das vergoldete Götzenbild an, vor dem die Welt im Staube lag, und fanden, daß es nur aus Ton bestand. Seitdem fürchtete sich der Heilige Stuhl vor den Königen, Kaisern und Konzilen, und die einst so schrecklichen Waffen des Bannfluches verrosteten in den Händen der Päpste. Kurz, alles kündete eine Umwälzung an, als Wycliffe in England und Johann Huß in Böhmen auftraten.

Doch das war erst die schwache Morgenröte des Tages, der die Finsternis verscheuchen sollte. Indes das Maß war voll. So roh und stumpf das Volk auch sein mochte, es war der ewigen Abgaben an die Geistlichen müde, nahm Anstoß an der Pracht und dem schändlichen Leben der Bischöfe und geriet in jene Art von Gärung, die den großen Umwälzungen vorherzugehen pflegt. Endlich gab der Ablaßschacher den Anstoß. Halb Europa kündigte dem Heiligen Stuhl den Gehorsam auf und fiel von ihm ab. Diese große Revolution der Geister mußte früher oder später eintreten; denn einerseits kennt die Machtgier keine Grenzen und andrerseits besitzt der menschliche Geist doch nur ein gewisses Maß von Geduld. Die Päpste aber, die schon seit vielen Jahrhunderten im Besitz des Rechtes waren, die Völker zu betrügen, konnten nicht vorhersehen, daß sie Gefahr liefen, wenn sie den Weg ihrer Vorgänger weiterschritten.

Ein sächsischer Mönch von verwegenem Mute, voll lebhafter Einbildungskraft, klug genug, um die Gärung der Geister zu benutzen, ward zum Haupt der Partei, die sich gegen Rom erklärte. Dieser neue Bellerophon warf die Chimäre zu Boden, und die Verzauberung schwand. Sieht man bloß auf die plumpen Grobheiten seines Stils, so erscheint Martin Luther zwar nur als ein polternder Mönch, als ein roher Schriftsteller eines noch wenig aufgeklärten Volkes. Wirft man ihm aber auch mit Recht sein ewiges Schelten und Schimpfen vor, so muß man doch bedenken, daß die, für die er schrieb, nur bei Flüchen warm wurden, aber Gründe nicht verstanden.

Betrachten wir jedoch das Werk der Reformatoren im großen, so müssen wir zugeben, daß der menschliche Geist ihrem Wirken einen guten Teil seiner Fortschritte dankt. Sie befreiten uns von vielen Irrtümern, die den Verstand unserer Väter verdunkelten. Indem sie ihre Gegner zu größerer Vorsicht zwangen, erstickten sie das Aufkeimen neuen Aberglaubens und wurden, weil man sie verfolgte, tolerant. Nur in der heiligen Freistätte der in den protestantischen Staaten eingeführten Duldung konnte sich die menschliche Vernunft entwickeln, pflegten Weise die Philosophie, erweiterten sich die Grenzen unseres Wissens. Hätte Luther auch weiter nichts getan, als daß er die Fürsten und Völker aus der Knechtschaft befreite, in der sie der römische Hof gefesselt hielt, so verdiente er schon, daß man ihm als dem Befreier des Vaterlands Altäre errichtete. Hätte er den Schleier des Aberglaubens auch nur zur Hälfte zerrissen, wieviel Dank wäre ihm die Wahrheit nicht schuldig! Der strenge, kritische Blick der Reformatoren hielt die Väter auf dem Konzil zu Trient zurück, als sie schon die Jungfrau zur vierten Person der Dreieinigkeit machen wollten. Immerhin gaben sie ihr zur Entschädigung den Titel Mutter Gottes und Königin des Himmels.

Die Protestanten zeichneten sich durch strenge Tugend aus und zwangen dadurch den katholischen Klerus zu gesitteterem Wandel. Die Wunder hörten auf. Es wurden weniger Heilige kanonisiert. Der päpstliche Stuhl wurde nicht mehr durch den ruchlosen Wandel der Päpste befleckt. Die Fürsten waren vor Bannstrahlen sicher. Die Kirchen wurden seltener mit Interdikt belegt, die Völker nicht mehr ihrer Eide entbunden, und die Ablaßbriefe kamen außer Mode.

Noch einen anderen Vorteil brachte die Reformation: die Theologen so vieler Sekten mußten nun mit der Feder kämpfen und waren daher genötigt, etwas zu lernen. Das Wissensbedürfnis machte sie gelehrt. So blühte die Beredsamkeit Griechenlands und des alten Roms wieder auf. Zwar benutzte man sie nur zu abgeschmackten theologischen Streitschriften, die kein Mensch lesen kann, aber es erschienen doch in allen Parteien große Männer, und auf die Lehrstühle, auf denen bisher nur Trägheit und Unwissenheit gesessen hatte, traten nun Lehrer von hervorragenden Verdiensten.

Das war der Segen der Reformation. Vergleicht man ihn mit den Übeln, die sie hervorbrachte, so muß man gestehen, der Vorteil war teuer erkauft. In ganz Europa kamen die Geister in Gärung. Die Laien prüften, was sie bisher angebetet hatten. Bischöfe und Äbte bangten um den Verlust ihrer Einkünfte. Die Päpste zitterten um ihr Ansehen. Kurz, alles geriet in Flammen. Nichts ist so erbittert, so erbarmungslos, wie der Priesterhaß. Er mischte sich in die Politik der Fürsten und erregte jene Kriege, die so viele Reiche verheerten. Ströme von Wut überschwemmten Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Erst nachdem das Glück lange geschwankt hatte, nachdem alle Abscheulichkeiten begangen waren, die die Bosheit der sich selbst überlassenen Menschen in Verbindung mit Schwärmerei verüben kann, erst da erlangten Deutschland und Holland mitten unter den rauchenden Trümmern ihres Vaterlandes das unschätzbare Gut: die Gedankenfreiheit. Später folgte der ganze Norden ihrem Beispiel.

Wer sähe nicht, wenn er die Geschichte der Kirche durchläuft, daß alles nur Menschenwerk ist? Welch erbärmliche Rolle läßt man Gott spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seinen Geschöpfen zu versöhnen. Er wird Mensch, um das verderbte Menschengeschlecht zu bessern. Was entspringt aus diesem großen Opfer? Die Welt bleibt so verderbt, wie sie vor seiner Ankunft war. Der Gott, der da sprach: »Es werde Licht!« – und es ward Licht –, sollte so unzureichende Mittel benutzen, um zu seinen anbetungswürdigen Zwecken zu gelangen? Ein einziger Willensakt von ihm genügt, um das geistige und leibliche Böse aus der Welt zu verbannen, den Völkern welchen Glauben er will einzuflößen und sie auf den Wegen, die seiner Allmacht offen stehen, glücklich zu machen. Nur beschränkte und enge Geister wagen Gott ein Betragen zuzuschreiben, das seiner anbetungswürdigen Vorsehung so unwürdig ist, und lassen ihn durch eines der größten Wunder ein Werk unternehmen, das ihm doch nicht gelingt.

Und eben die Menschen, die vom höchsten Wesen so unzureichende Begriffe haben, setzen auf jedem Konzil neue Glaubensartikel fest! Man findet sie sämtlich in dem chronologischen Auszug aus der großen Kirchengeschichte von Fleury, einem unverdächtigen Geschichtsschreiber. Das Kennzeichen von Gottes Werken ist ihre Beständigkeit, das der menschlichen Werke ihre Wandelbarkeit. Wo bleibt da die Möglichkeit, Lehren für göttlich zu halten, die nacheinander aufkommen, die vermehrt, vermindert und verändert werden, je nach dem Gutdünken und Vorteil der Priester? Wie kann man an die Unfehlbarkeit derer glauben, die sich für Statthalter Christi ausgeben, wo man sie nach ihren Sitten eher für Statthalter jener schlimmen Wesen halten möchte, die, wie es heißt, die Abgründe der Qualen und Finsternisse bevölkern? Wir sehen Päpste, die einander in den Bann tun, Päpste, die ihre Worte zurücknehmen, Konzile, die die Lehrsätze vorhergehender Konzile unter dem Vorwand einer Erklärung der Dogmen abändern. Der Schluß ist klar: entweder haben sich diese oder jene geirrt. Warum, fragt man ferner, bekehrte man die Völker mit Verfolgungen, mit Feuer und Schwert, wie es z. B. Karl der Große in Deutschland tat, oder wie die Spanier nach Vertreibung der Mauren und noch jetzt in Amerika? Muß nicht jeder Leser auf den Gedanken kommen: wenn die Religion wahr ist, so reicht ihre Evidenz zur Überzeugung hin. Ist sie aber falsch, so muß man freilich verfolgen, um die Menschen zu ihr zu bekehren! Wir wollen gar nicht Wert darauf legen, daß die Wunder nur in den Jahrhunderten der Unwissenheit so häufig und in aufgeklärteren Zeiten so selten sind.

Mit einem Worte, die Kirchengeschichte offenbart sich uns als ein Werk der Staatskunst, des Ehrgeizes und des Eigennutzes der Priester. Statt etwas Göttliches darin zu finden, trifft man nur auf lästerlichen Mißbrauch mit dem höchsten Wesen. Ehrwürdige Betrüger benutzen Gott als Schleier zur Verhüllung ihrer verbrecherischen Leidenschaften. Wir unterlassen es klüglich, diesem Bilde noch etwas hinzuzufügen. Für jeden denkenden Leser ist genug gesagt. Automaten wollen wir nichts vorbuchstabieren.“

Ende von Friedrich’s „Vorrede zum Auszug aus Fleurys Kirchengeschichte“.

Anmerkung 1

Jesus war natürlich nicht von zweifelhafter Herkunft, wie Friedrich meint, sondern ein Königssohn. Er war ein Nachkomme des jüdischen Königs David. Zu der Zeit allerdings als Jesus geboren wurde, war das Haus David seiner Macht beraubt. So etwas ist nichts ungewöhnliches in der Geschichte. Auch der heute lebende Hohenzollernprinz Oskar von Preußen hat keine Macht (mehr).

Anmerkung 2

Das Christentum breitete sich nicht deswegen so schnell aus, weil es eine so gute Morallehre hatte, sondern weil es dem Menschen auch die Kraft darreichte, die ihm half, sein sündiges Fleisch zu überwinden: Die befreiende Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu.

Der Text Friedrichs enthält mehrere schwere Irrtümer. Ich will nur auf einige wenige davon eingehen. Der Hauptfehler Friedrichs ist, daß er das Kind mit dem Bade ausschüttet: Zusammen mit der römischen Kirche (= römisch-katholische Kirche) verwirft er auch das ursprüngliche, wahre Christentum. Friedrich tut so, als ob die Kirche der ersten Jahrhunderte nach Christus schon die römische Kirche gewesen wäre. Dies ist aber nicht richtig. Bis zum Ende des 6. Jahrhunderts nach Christus gab es nur die Kirche des oströmischen Reiches (Hauptstadt Konstantinopel), die nicht das römische Papsttum kannte, sondern über den lokalen Bischöfen stand nur der unsichtbare Christus und kein Papst als Oberbischof. Diese Bischöfe trafen sich auf den ökumenischen Konzilien, wo sie Fragen des Glaubens frei und unter der Leitung des heiligen Geistes diskutierten. Auch stimmen die Beschlüsse der alten, ökumenischen Konzilien mit der Lehre der Apostel und der Lehre Jesu, also dem Neuen Testament überein. Anfang des 7. Jahrhunderts entstand jedoch das verwerfliche Papsttum, das wir heute kennen und das die katholische Kirche verdirbt. Die Kirche Italiens entfernte sich immer mehr von der Kirche Ostroms, der byzantinischen Kirche bzw. der allgemeinen, christlichen Kirche. Aus der Kirche Italiens entstand die römisch-katholische Kirche (= römische Kirche). Mehrere Jahrhunderte existierten die römische Kirche und die byzantinische Kirche parallel nebeneinander, wobei selbstverständlich nur die byzantinische Kirche die legitime, christliche Kirche war. Diese römische Kirche bzw. der Papst maßte sich dann an, selber Glaubensartikel aufstellen zu dürfen, die nichts mit dem biblischen Befund zu tun hatten, also im Widerspruch zur Bibel standen. Die Päpste erdichteten neue (falsche) Lehren, die aber nicht von Gott kamen, sondern aus dem finsteren Abgrund ihrer verdorbenen Herzen.

Jetzt das Entscheidende:

Der Glaubensartikel, daß Jesus Christus der eingeborene Sohn Gottes bzw. Gott selbst ist, wurde natürlich nicht von der römischen Kirche aufgestellt, sondern entspricht dem neutestamentlichen Kanon, also der Lehre Jesu und der Apostel. Daß Jesus der Sohn Gottes ist bzw. eine Person der Gottheit, des dreieinigen Gottes, ist fast das wichtigste Dogma des wahren, christlichen Glaubens. Es war gut, daß Friedrich die römische Kirche scharf kritisierte, aber er ging viel zu weit, wenn er behauptete, erst die Kirche, die auf die Urkirche folgte, hätte das Dogma aufgestellt, Jesus sei der Sohn Gottes.

Durch diese Behauptung ist Friedrich der Große von der christlichen Kirche ausgeschlossen. Er wird am Jüngsten Tag nicht durchkommen trotz seines „tugendhaften“ Lebens.

Nochmals: Auch die wahre, christliche Kirche glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist; dies ist kein Dogma, das etwa der Papst aufgestellt hat, sondern eine wahre, echte Lehre, die uns Gott durch Christus und die Apostel gegeben hat. Verdammt sei, wer diese Lehre nicht bringt. Wer übrigens diese Lehre wirklich glaubt, der überwindet durch den fleischgewordenen Sohn Gottes, also durch Jesus, sein sündiges Fleisch. Wer nicht sein sündiges Fleisch überwindet durch Jesus und dennoch behauptet, Jesus sei der Sohn Gottes, dessen Glaube ist ein Lippenbekenntnis und er wird trotz seines Lippenbekenntnisses verdammt werden am Jüngsten Tag.

Was ist wahre Tugend?:

Friedrich benutzt öfter folgende Redewendung: „Was du nicht willst, daß man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu!“

Jesus sagte aber: Mt 7,12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!

Zwischen beiden Wendungen liegt ein feiner Unterschied: Die von Friedrich benutzte Wendung repräsentiert eigentlich nur die spießbürgerliche Gerechtigkeit, die sich schon für gut hält, wenn sie dem Nächsten nichts Böses antut und dabei inaktiv bleibt. Jesus aber ruft zur aktiven Nächstenliebe auf, was über die spießbürgerliche Gerechtigkeit weit hinausgeht.

Der Unterschied zwischen der Tugend des preußischen Staatsbürgers und der christlichen Tugend:

Es ist zwar sehr lobenswert, wenn jemand nicht stiehlt, nicht mordet, nicht die Ehe bricht,  etc., aber das ist noch nicht die christliche Tugend. Mag sein, daß ein guter Staatsbürger sogar große Beträge an die Armen spendet, aber auch das ist noch nicht die christliche Tugend. Die christliche Tugend besteht darin, daß sie dem armen Sünderlein auch Jesus bringt neben dem tadellosen Benehmen und das kann nur der Mensch, der selbst an Jesus glaubt und im Namen des Vater, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft ist. Das ist nämlich die größte Not der Menschen, ihre Sündhaftigkeit, die sie (wir) von Adam geerbt haben. Der allergrößten Not der Menschen begegnen wir, wenn wir ihnen Jesus bringen.

1Kor 13,3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Konkret: Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Nachbarn, der zu wenig zu essen und zu trinken hätte. Er würde Sie um Geld bitten und Sie gäben ihm etwas. Nach einigen Wochen käme er abermals und würde Sie wiederum um Geld bitten. Sie würden merken, dieser Mensch bräuchte grundlegende Hilfe, damit er lernt wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Wenn Sie aber nur „preußischer Staatsbürger“ wären, dann wäre alles, was Sie für diesen Menschen tun könnten, Ihre kleinen Almosen.

Was nun könnte der Christ tun?

Der Christ würde zwar auch ein oder mehrere Almosen geben, aber er brächte auch, und das ist das Großartige, Jesus. Jeder Christ (jeder Mensch, der an Jesus glaubt und sakramental getauft ist) gibt die Liebe Gottes weiter und diese Liebe Gottes ist eine Person: Jesus. Dieser Jesus nun, der Sohn Gottes, vermag die grundlegenden Probleme der Menschen zu lösen und das geht weit über die Gabe von Almosen hinaus. Natürlich würde der Christ den Bedürftigen zur Kirche einladen, wo er in die Gegenwart Gottes käme und das Evangelium hören könnte: „Gott, der Vater, hat Gott, den Sohn, Jesus, um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt von den Toten oder Jesus hat unsere Sünden getragen, als er am Kreuz für uns starb und er lebt, um uns zu heiligen bzw. gerecht zu machen“. Wer umkehrt von seinen Sünden, das Evangelium für wahr hält und sakramental getauft wird (oder sich seiner Kindertaufe erinnert; keine Wiedertaufe), der empfängt das ewige Heil. Bei der Taufe sterben und auferstehen wir zusammen mit Jesus. Nach der Taufe sind wird der Sünde abgestorben und in Christus; unser Leib bleibt allerdings sündhaft in sich selbst. Das ewige Heil bewahren wir, wenn wir Tag für Tag durch die befreiende Kraft der Taufe unseren sündigen Leib überwinden und Liebe an Gott und unseren Nächsten üben.

Bleiben wir so in Christus, dann geht der Engel des Herrn vor uns her und das ist die Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben. Diese Welt ist objektiv gesehen eine riesige Geisterbahn und jede Sekunde, wo wir hier friedlich leben können, ist ein Wunder der Gnade Gottes. Nur wer vom Engel des Herrn umgeben wird, der kann in dieser sehr bösen Welt als Gerechter leben, trotz der vielen bösen Menschen, der bösen Geister und seines sündigen Fleisches.

Ergänzung: Nochmals zu dem Bedürftigen, den ich oben erwähnte. Das Größte, was die Kirche diesem Menschen tun kann, ist natürlich, ihm Jesus zu bringen. Sie wird ihm aber auch materiell weit effektiver helfen können als ein einzelner „Staatsbürger“, der auch noch der Gegenwart Christi entbehrt. Vorstellbar wäre die Finanzierung einer Umschulungsmassnahme für den vielleicht arbeitslos gewordenen Menschen und die Finanzierung seines Unterhalts bis er wieder durch seiner Hände Arbeit sein eigenes Geld verdienen könnte. Auch wird die Kirche den Armen völlig in ihre Gemeinschaft integrieren und aufnehmen ohne jegliches Vorurteil – natürlich vom Tag seiner Taufe an und schon lange bevor er seine Umschulung abgeschlossen hat. Jesus liebt alle Menschen, nicht nur die Etablierten sondern auch die Armen. Auch diese bedingungslose Integration in die Gemeinschaft der Kirche wird dem vielleicht vereinsamten Menschen sehr viel Kraft geben, ein neues Leben zu führen und wieder auf die Beine zu kommen. Die Welt stößt die Armen, Kranken, Schwachen, Gefallenen, etc. aus, aber die Kirche, der Leib Christi, nimmt sie auf.

Nur Jesus bzw. die Kirche überwindet die “unüberwindbaren” Schranken zwischen den gesellschaftlichen Klassen. Eine säkulare Hilfsorganisation mag einem Armen ein paar Nahrungsmittel geben, aber er verbleibt langfristig doch in der Schicht der Asozialen. Eine Freikirche mag einem Armen sagen: “Gerade Du brauchst Jesus!” (eine bloße Worthülse), aber sie vermag doch nicht, ihn in der sakralen Liebe des wahren Jesus aufzunehmen und auch so bleibt der Arme in der asozialen Schicht gefangen. Worthülsen sind einfach zu wenig!

Die wahre Kirche sagt auch zum Armen: “Du brauchts Jesus!”, aber sie ist auch in der Lage in der sakralen Liebe des wahren Jesus den Armen bei sich aufzunehmen und ihn völlig zu intergrieren und zu akzeptieren ohne Ansehen seiner Person. Dies beinhaltet selbstverständlich auch materielle Hilfe. Die Liebe der wahren Kirche ist sakral, ganzheitlich, vollständig, wirksam, es ist die Liebe Jesu, Jesus selbst. Der wiederhergestellte Mensch wird die Liebe Jesu weitergeben, denn Liebe wäre nicht Liebe, wenn man sie nicht an seinen Mitmenschen übte. Wer die Liebe (Jesus) der Kirche wirklich angenommen hat, der wird sie auch weitergeben. Die Kraft der Kirche besteht darin, daß sie ein sakraler Ort ist; Jesus ist gegenwärtig durch den Heiligen Geist; Wunder sind möglich im Raum der Kirche – Menschen werden heil, auch hoffnungslose Fälle.

Matthäusevangelium, Kap. 25, Verse 31-46

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. 41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. 44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

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