Adam Smith’s Arbeitsteilung – Fluch oder Segen?

Ob Adam Smith’s Arbeitsteilung (siehe Anmerkung, unten) ein Fluch oder ein Segen ist, hängt ganz davon ab, ob der betreffende Markt, wo die Arbeitsteilung angewendet wird, überversorgt oder unterversorgt ist. Wenn in einem Land z. B. die Nachfrage nach Schuhen zu einem natürlichen Preis genau von den produzierenden Unternehmen gedeckt wird, dann ist der Markt weder unterversorgt, noch überversorgt, sondern genau richtig versorgt (Idealzustand). Würden zu wenig Schuhe hergestellt, dann würde der Preis steigen und Einkommen von Unternehmern und Arbeitern wären hoch. Würden zu viele Schuhe hergestellt, dann wäre zwar der Preis niedriger, aber die Unternehmer zusammen mit den Arbeitern hätten weniger Einkommen.

Jeder Preis eines Produkts ist also immer ein Kompromiss zwischen dem Verlangen der Allgemeinheit nach preisgünstigen Waren und dem Verlangen der Unternehmer und Arbeiter nach möglichst hohen Einkommen.

Zu Adam Smith’s Lebzeiten war es wohl so, daß viele Märkte tendenziell unterversorgt waren. Auf der einen Seite gab es viele Leute, die gerne Schneider, Weber, Schuhmacher, Schmied, usw. geworden wären, aber die Zünfte ließen sie nicht rein. Auf der anderen Seite waren eben die Produkte der „zünftigen“ Handwerker sehr teuer, denn die Märkte waren untervorsorgt und so konnten die zünftigen Betriebe ihre Preise hochtreiben zum Schaden der Allgemeinheit. Die Zünfte verhinderten das Aufkommen von Konkurrenz bzw. Wettbewerb.

siehe Gewerbefreiheit statt Zunftzwang: Die Schranken fallen

Vor diesem historischen Hintergrund muß man Adam Smith’s Buch „Der Wohlstand der Nationen“ lesen. Smith wollte etwas Gutes bewirken: Mehr gut bezahlte Arbeit und mehr preisgünstige Güter für die Allgemeinheit. Wir dürfen aber auf keinen Fall Smith’s Theorieen 1:1 in unsere Zeit übernehmen, denn wir haben heute vielfach überversorgte Märkte.

Smith’s Theorie der Arbeitsteilung hat auch einen „kleinen Haken“, denn es hängt vom Verhalten der Unternehmer ab, ob sie (Smith’s Theorie) zu höherem Allgemeinwohl oder zum Schaden der Allgemeinheit beiträgt.

Ein Unternehmer, der die Arbeitsteilung (sieh Anmerkung, unten) einführt, kann zwei Dinge tun: Entweder er entläßt einen Teil (je nach Produktivitätssteigerung) seiner Leute und produziert mit den verbliebenen Leuten die gleiche Menge an Gütern zum gleichen Stückpreis oder er entläßt niemand, senkt aber den Stückpreis, wodurch er mehr Waren verkauft und unterm Strich mehr verdienen wird (dies bedeutet natürlich Stress für die Konkurrenten, die nun den Lohn ihrer Arbeiter und/oder ihren Unternehmergewinn senken müssen, sprich, den Verkaufspreis ihrer Produkte senken müssen, um am Markt bestehen zu können).

Entscheidet sich der Unternehmer für den ersten Fall (Entlassung von Arbeitern), dann passiert das Folgende: Da er gleich viele Waren zum gleichen Preis verkauft, aber weniger Lohnkosten hat, da er ja mit weniger Leuten gleich viel produziert, steigt sein Unternehmergewinn (Kapitalgewinn) erheblich. In der Praxis werden heute wahrscheinlich viele Unternehmer diese Möglichkeit wählen, da sie die einfachste ist. Man läßt seine Sekretärin ein paar Kündigungen tippen und der Fall ist erledigt.

Entscheidet sich der Unternehmer für die zweite Möglichkeit, dann hat er vielmehr Umtrieb (Stress, Unruhe), denn das Mehr  an Waren muß ja innerhalb der Firma bewegt werden, verbucht werden, gelagert werden, vertrieben werden, etc. Außerdem wird es eine Weile dauern, bis neue Kunden auf den niedrigeren Preis reagieren. Sie werden erst abwarten wollen, ob die Qualität ihren Anforderungen genügt, denn ein niedrigerer Preis macht misstrauisch. Darüber hinaus muß der Unternehmer auch neue Rohstoffquellen bzw. Zulieferer finden, denn mehr Ware bedeutet auch mehr Rohstoffeinsatz bzw. Einsatz von zugelieferten Teilen.

Es liegt in der Natur der Sache, daß sich die Unternehmer meistens für Möglichkeit 1 (Entlassungen) eintscheiden werden:

Was bedeutet das in einem Land mit tendenziell unterversorgten Märkten?:

Die Entlassenen können neue Firmen gründen und andere Produkte herstellen. Da die Märkte unterversorgt sind, können sie einen guten Preis verlangen und viel absetzen. In einem Land mit vielen unterversorgten Märkten haben die Menschen auch noch ein höheres Potential für mehr Arbeitsleistung. Sie müssen mehr von ihren bisherigen Gütern herstellen, um sich die neuen Güter der Entlassenen leisten zu können, aber das können sie ohne Probleme, da ihre Ressourcen an Arbeitskraft noch lange nicht ausgeschöpft sind. In diesem Fall steigt das Allgemeinwohl: Mehr preisgünstige Güter und mehr gut bezahlte Arbeit.

Was bedeutet das in einem Land mit tendenziell überversorgten Märkten?:

Die Entlassenen können auch neue Firmen gründen und andere Produkte herstellen. Da die Märkte aber überversorgt (Überversorgung des Gesamtmarktes aller Waren) sind, können sie nur einen niedrigen Preis verlangen und wenig absetzen. In einem Land mit vielen überversorgten Märkten haben die Menschen auch kaum noch überschüssige Arbeitskraft. Sie können nicht mehr von ihren bisherigen Gütern herstellen, um sich die neuen Güter der Entlassenen leisten zu können, da ihre Ressourcen an Arbeitskraft nahezu erschöpft sind. In diesem Fall nimmt das Allgemeinwohl ab: Die Entlassenen werden spätestens langfristig im sozialen Netz landen, da sie vom Verkaufspreis ihrer zu billigen Güter kaum leben können.

Abschließende Bewertung:

Es ist also ein vollkommener Schwachsinn, wenn man heute noch die Arbeitsteilung von Smith als Allheilmittel für volkswirtschaftliche Probleme anpreist, denn das ist sie nicht (mehr). Die Arbeitsteilung war etwas relativ Gutes zu Smith’s Zeiten und etwas danach, da sie zu mehr preisgünstigen Gütern und zu mehr gut bezahlter Arbeit führte. Natürlich war auch schon zu Smith’s Zeiten die Arbeitsteilung mit jede Menge Umtrieb, das heißt Stress und Unruhe verbunden, denn das ist ja keine Kleinigkeit für den Entlassenen, ein neues Produkt zu entwickeln, preisgünstig herzustellen und auf den Markt zu bringen: Mehr Wohlstand – mehr Leistungsdruck. Der Preis für mehr Wohlstand war schon immer mehr Leistungsdruck, aber früher war das noch erträglich, da man sich von einem sehr niedrigen Level ausgehend nach oben schraubte. Heute sind wir schon auf einem sehr hohen Level: Viele verschiedene, preisgünstige Güter, hohe Anforderungen am Arbeitsplatz bis zum Burnout. Wir heute müssen Smith’s Arbeitsteilung als tödliche Aufwärtsspirale sehen, ähnlich wie eine Rüstungsspirale im militärischen Bereich.

Wenn heute eine Firma eine Erfindung macht mit der sie mit weniger Arbeitern gleich viel Ware produzieren kann, dann entläßt sie z. B. 40% der Arbeiter und hat dann einen viel höheren Gewinn, da die Lohnkosten der 40% entfallen. Wenn jetzt diese Entlassenen eine eigene Firma aufmachen, dann werden sie ihr Produkt kaum losschlagen können und sei es noch so gut (hochwertig) und noch so billig (preisgünstig), denn die Allgemeinheit hat ja heute praktisch keine Reserven mehr, sie muß ja schon arbeiten bis zum Umfallen, um sich die bisherigen Güter (ohne die Güter, die die Entlassenen herstellen) kaufen zu können.

Der Grund für den Leistungsdruck, den wir heute in Deutschland haben, ist also nur indirekt die Habgier der Reichen. Direkt ist der Leisungsdruck eine Folge der Arbeitsteilung, wie sie heute  angewandt wird zur ständigen Steigerung der Produktivität. Die Folgen der Arbeitsteilung heute wären allerdings nicht so schlimm, wenn die Reichen, also die Unternehmer, nicht darauf bestehen würden, ihren Gewinn durch Entlassungen zu maximieren. Die Habgier macht sich praktisch die Arbeitsteilung zum Handlanger. Das es auch anders geht, können Sie im Folgenden lesen:

Wie könnte ein christlicher Unternehmer sich verhalten?

Angenommen, ein christlicher Unternehmer würde eine Erfindung machen, die es im ermöglicht die bisherige Anzahl an Produkten mit 80% der Belegschaft herzustellen. Er könnte dann einfach die anderen 20% entlassen und sein Unternehmergewinn würde um die eingesparten Lohnkosten für die 20% steigen. Das wäre aber nicht sehr christlich, denn seine Angestellten müssten sich einen neuen Job suchen und würden wahrscheinlich in irgendeinem sogenannten prekären Arbeitsverhältnis landen, wo sie zu einem Hungerlohn arbeiten müßten, falls sie überhaupt etwas Neues finden würden. Diese Arbeitnehmer hätten aber weiterhin ihre Miete zu zahlen und ihre Familie zu versorgen. Was nun? So würde der christliche Arbeitgeber, um sein Heil in Christus zu bewahren, vielleicht das Folgende sagen zu seinen Angestellten: Ich habe eine Spitzen-Erfindung gemacht, die uns die Arbeit total erleichtert; es reicht völlig aus, wenn wir nur noch 32 Stunden pro Woche statt bisher 40 arbeiten bei vollem Lohnausgleich (der alte Lohn der 40h-Woche wird weiterbezahlt). Der christliche Arbeitgeber würde also sein Mehr an Unternehmergewinn für seine Arbeiter opfern. Er würde gleichsam den Gewinn seiner Erfindung, die die Arbeit erleichtert und an der er vielleicht Jahrzehnte getüftelt hat, seinen Arbeitern zu kommen lassen in Form von mehr Freizeit. Sie könnten sich dann mehr um ihre Familien kümmern, wären weniger krank, hätten Zeit für Fortbildung, allgemeine Bildung, Kirche, ehrenamtliches Engagement, etc.

Anmerkung

Arbeitsteilung

Von den ersten Agrargesellschaften zu den Handwerkern in ihren Zünften ging die Entwicklung weiter zu Manufakturen des Mittelalters und zu großen Fabriken. Es folgte die Zerlegung von ursprünglich von einer Person durchgeführten Arbeitsprozessen in voneinander getrennte Teilprozesse. Ziel dieser Trennung war und ist die Steigerung der Produktivität der Arbeit. Arbeitsteilung lässt sich unterscheiden in innerbetriebliche, zwischenbetriebliche und internationale Arbeitsteilung. Innerbetriebliche A. bedeutet, dass der Arbeitsprozess in einem Betrieb in unterschiedliche Einzelschritte zerlegt wird. Bei der zwischenbetrieblichen A. produzieren verschiedene Betriebe nicht alle Güter, die sie benötigen selbst, sondern kaufen diese von anderen, den Zulieferern, zu. Bei der internationalen A. betreiben unterschiedliche Länder untereinander Handel mit Produkten und Dienstleistungen. Die einzelnen Länder spezialisieren sich auf jene Produkte, die sie kostengünstig herstellen können und mit denen sie internationale wettbewerbsfähig sind.

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