Ursachen für die wachsende Schere zwischen Arm und Reich

 

Schon seit über 200 Jahren (ein wirklich langer Zeitraum) strebt man danach, die Produktivität bei der Herstellung von Gütern (Produkte, Waren) zu erhöhen (siehe industrielle Revolution seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts). Am Anfang dieser Entwicklung hatte die Erhöhung der Produktivität nicht nur Nachteile. Es gab weithin unterversorgte Märkte, das heißt der durchschnittliche Mensch konnte sich nur wenige, verschiedene Güter leisten. Dies war ein wirklicher Mißstand, dem abgeholfen werden mußte. Es wurden schlichtweg zu wenige Güter hergestellt. Da die Nachfrage das Angebot überstieg, konnten die Betriebe die Preise hochtreiben. Die Auswahl an verschiedenen Gütern war natürlich auch sehr klein im Vergleich zu heute. Indem man als Reaktion auf den Gütermangel Güter nicht mehr nur in kleinen Handwerksbetrieben mit minimaler Arbeitsteilung, sondern zunehmend in Manufakturen mit mehr Arbeitsteilung herstellte, vergrößerte sich das Warenangebot und die Preise sanken. Dies diente dem Allgemeinwohl. Natürlich wurden damals viele Menschen reich und zwar die Unternehmer, die investierten (siehe Anmerkung 1, unten) und aus ihren Handwerksbetrieben Manufakturen machten. Diese Unternehmer wurden aber nicht reich auf Kosten der Allgemeinheit, sondern die Allgemeinheit hatte sogar einen großen Nutzen: Immer mehr verschiedene, preisgünstige Güter. Selbstverständlich kam es mit zunehmender Produktivität auch immer öfter dazu, daß Arbeiter oder Handwerker aus ihren angestammten Gewerben verdrängt wurden, weil sie im Wettbewerb unterlagen (siehe Weberaufstand). Aber das ist eben prinzipiell der Preis der Marktwirtschaft, daß der Einzelne sich immer wieder neu auf veränderte Bedingungen einstellen muß. Der Preis des Mehr an verschiedenen und preisgünstigen Gütern ist der, daß der Mensch sich selbst allgemein mehr in die Arbeit oder das Arbeitsleben investieren muß (das hat natürlich einen Verlust an Kontemplation zur Folge). Dies ist ja auch vollkommen logisch. Der Wohlstand hat seinen Preis: Erhöhter Leistungsdruck, weniger spirituelles Leben. Mit allem Nachdruck muß man aber betonen, daß dies zur Zeit der unterversorgten Märkte noch relativ erträglich war. Wer in einem Gewerbe keine Arbeit mehr fand, konnte in ein anderes wechseln, wo vielleicht gerade mit der Produktion eines völlig neuen Produktes begonnen wurde und dort vielleicht zu einem relativ guten Lohn arbeiten (neue Produkte können zu relativ hohen Preisen verkauft werden, da am Anfang die Konkurrenz fehlt). Dies erforderte natürlich Eigeninitiative, Bereitschaft zur Fortbildung, Mobilität, etc. Es war kein Zuckerschlecken, aber die Lage war weder aussichtslos noch ausweglos. Wer wollte, konnte sich durchkämpfen und durchboxen.

Wie sieht es heute aus?

Wie gesagt, seit über 200 Jahren strebt man nun danach die Produktivität der Wirtschaft zu steigern. Dies gibt Anlaß zu der Vermutung, ob wir uns nicht in mehrfacher Hinsicht Asymptoten (etwas ähnliches wie Grenzwerte) nähern. Wenn man sich heute einen durchschnittlichen deutschen Haushalt anschaut, dann fragt man sich, was da an Gütern eigentlich noch hinzukommen soll, denn es sind ja alle hochentwickelten Geräte vorhanden, auch bei den unteren Einkommensschichten. Diese hochentwickelten Produkte werden heute zu minimalen Löhnen hergestellt, denn nach vielen Jahren des Wettbewerbs bzw. der Konkurrenz sind die „Ineffizienten“ ausgeschieden. Natürlich mußte im Rahmen des Wettbewerbs immer wieder an der Lohnschraube gedreht werden, denn nicht alles (Innovationen von Konkurrenten) konnte durch Erfindungen (technische Neuerungen zur Steigerung der Produktivität) kompensiert werden (siehe Anm. 2, unten). Hierdurch müssen heute Löhne minimal sein, dafür sind aber auch die Preise der Produkte optimal niedrig, was dem Allgemeinwohl dient. Es scheint aber so zu sein, daß wir im Durchschnitt sehr hart arbeiten müssen trotz der Arbeitsteilung, weil wir uns eben auch so eine gewaltige Palette an verschiedenen, preisgünstigen Gütern leisten. Was die Arbeitsbelastung angeht, sind wir sicherlich auch an einer Grenze angelangt.

Woher nun die Kluft zwischen Arm und Reich?

Auch heute noch, obwohl es immer schwerer wird die Herstellung einer Ware produktiver zu machen oder ein neues Produkt zu erfinden, mag es ab und zu vorkommen, daß ein Unternehmer eine Erfindung macht, wodurch er mit einer wesentlich geringeren Anzahl an Arbeitskräften gleich viel wie bisher herstellen kann oder mit gleich viel Arbeitskräften mehr herstellen kann. Er kann nun zwei Dinge tun:

– Leute entlassen, wodurch sofort eine enorme Erhöhung des Unternehmergewinns (Kapitalgewinn) bewirkt wird, ohne daß der Unternehmer irgendwelche Scherereien hat; das Büro schreibt die Kündigungen, verteilt sie an die Leute und das war’s

– Preise senken, mehr produzieren, das heißt Konkurrenz verdrängen:  Da die Märkte heute überversorgt sind, würde dies nur zu einem ruinösen Wettbewerb mit den Konkurrenten führen; es käme gar nicht zu einer Mehrproduktion, da die Konkurrenten durch Lohnsenkungen oder Senkung des Unternehmergewinns auch die Preise senken würden; am Ende würden alle die gleiche Menge an Waren verkaufen wie vorher, nur zu niedrigeren Preisen; alle hätten verloren außer die Konsumenten, die nun niedrigere Preise zu zahlen hätten; dieser Zustand wäre aber nicht hinnehmbar, denn das Wohl der Konsumenten ginge auf Kosten der Arbeiter oder evtl. auch des Unternehmers, die die billigen Waren herstellen, denn sie könnten kaum mehr von dem Mehrwert (= Lohn plus Unternehmergewinn) ihrer Waren leben

Für den Unternehmer kommt heute also nur noch die Entlassung von Mitarbeitern in Betracht. Angenommen, ein Unternehmer schafft es durch eine hochentwickelte Maschine mit 50 Arbeitern soviel Waren herzustellen wie mit bisher 100, dann kann er 50 entlassen und seine Produkte zum gleichen Preis bei gleicher Absatzmenge verkaufen. Er spart aber die Lohnkosten von 50 Leuten!!!!! Dies ist natürlich eine enorme Versuchung für jeden Unternehmer, aber wenn wir die Wirtschaftsnachrichten der Zeitungen lesen, dann sehen wir, daß dies bereits Alltag ist. Schlagartig wird der Unternehmer in diesem Beispiel um den Lohn von 50 Arbeitern (!) reicher und im Gegenzug werden 50 Arbeiter arbeitslos und stehen vor dem Nichts. Denn da heute alle Märkte überversorgt sind werden sie kaum in einem anderen Gewerbe unterkommen – es bleibt nur noch das soziale Netz oder prekäre Beschäftigung zu Minimallöhnen.

Ja, und das ist eben die Schere zwischen Arm und Reich, die immer größer wird. Die Entlassenen landen im Low-Produktivity-Sektor oder im sozialen Netz, was ja nichts anderes heißt als das sie von den staatlich erzwungen Almosen derer leben, die noch gut bezahlte Arbeit haben (es kann natürlich auch vorkommen, daß ein Unternehmer, der Leute entläßt, den  verbliebenen höhere Löhne zahlt) und von den Sozialversicherungsbeiträgen der Unternehmer. Ein Almosen wird natürlich immer bescheiden ausfallen müssen im Vergleich zum Lohn der gut bezahlten Verbliebenen. Das Ganze verringert das Allgemeinwohl. Die verbliebenen Arbeiter und der Unternehmer können in dem Maß mehr aus dem Kuchen herausschneiden, der täglich von allen produziert wird, wie es dem Lohn der Entlassenen entspricht. Hätte man die Entlassenen einfach zum Mond geschossen, dann wäre das System im Gleichgewicht geblieben. Nun müssen aber auch diese Entlassenen versorgt werden und zwar von der Allgemeinheit. Letztendlich müssen diejenigen, die im (gut bezahlten) Arbeits-System verbleiben, die Entlassen versorgen, wobei aber die weiter Arbeitenden immer noch im Vorteil sind gegenüber den Entlassenen.  Die im Arbeits-System Verbleibenden (High-Productivity) versorgen die Entlassen entweder durch ihre Sozialversicherungsbeiträge oder indem sie sie für Low-Productivity-Jobs hernehmen (Gartenpflege, Botendienste, Putzfrau, Haushaltshilfe, Hausmeister, Chauffeur, Massage, Nagel-Maniküre, Taxi, etc.)

Lösung:

Jeder Arbeitgeber (Unternehmer) heute, der rationalisiert und dadurch Personal einsparen kann und dies auch tatsächlich tut, muß wissen, daß er die Leute, die er entläßt in eine niedrigere Daseinsstufe stößt oder aus dem erwählten Kreis der Gut-Verdiener für immer herauskatapultiert in den Low-Income-Sektor. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr werden auch alle Low-Productivity-Jobs vergeben sein und ein Entlassener muß zwangsläufig in der Arbeitslosigkeit bzw. im sozialen Netz landen, was definitiv einen Schaden für die Allgemeinheit bedeutet. Wer heute rationalisiert und Leute entläßt, schädigt sein Land oder Volk, in dem er lebt – er wird reich auf Kosten der Allgemeinheit. Dies ist verwerflich. Ein Unternehmer sollte heute auf Gewinnsteigerung verzichten und Innovationen lieber so verwenden, daß er seine Leute weniger Stunden arbeiten läßt bei vollem Lohn (aufgrund der Innovation kann mit weniger Stunden gleich viel zum gleichen Preis produziert werden). Dies wäre dem Allgemeinwohl zuträglich, denn die Leute hätten mehr Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten, Kirche, Kindererziehung, Allgemeinbildung, spirituelles Leben, Kontemplation, etc. Es wäre alles viel entspannter.

Anmerkung 1

Ich halte nichts von einer generellen Verteufelung der Unternehmer. Woher kommt denn das Kapital für Investitionen? Kapital entsteht nur durch Konsumverzicht. Konsumverzicht aber ist ein tägliches Opfer (es ist ein Unterschied, ob ich mir täglich die teuersten oder die billigsten Lebensmittel kaufe). Nur wer bereit ist, täglich das Opfer des Konsumverzichts auf sich zu nehmen, der wird jemals zu Kapital kommen, das er für Investitionen verwenden kann. Grundsätzlich sollte man also Leuten, die ein Unternehmen aufbauen, dankbar sein, denn dies ist keine einfache Sache.

Anmerkung 2

Es gibt folgenden unangenehmen Effekt: Wenn ein Unternehmen eine Erfindung (Innovation) macht, wodurch es mit gleich viel Arbeitskräften mehr  herstellen kann, dann kann es die Preise senken (Konkurrenzkampf) und mehr herstellen (dies führt unterm Strich zu mehr Gewinn, wenn die Konkurrenz nicht aufholt). Die anderen Unternehmen der Branche werden aber nicht gleich auch die gleiche Erfindung machen und müssen folglich an der Lohnschraube drehen, um bei gleich vielen Arbeitern mehr herstellen zu können. Die Arbeiter müssen dann mehr Stunden am Tag arbeiten bei gleichem Gesamtlohn = niedrigerer Stundenlohn. Dies hat natürlich seine Grenzen (langfristig sind wahrscheinlich nicht mehr als 10 Stunden pro Tag drin). Wenn also das betreffende Unternehmen nicht rechtzeitig eine Innovation macht, wodurch es ohne Mehrstunden der Arbeiter mehr produzieren kann, um einen niedrigeren Stückpreis zu kompensieren, dann scheidet es aus dem Wettbewerb aus, denn die Arbeiter werden das Spiel nicht längere Zeit mitmachen und sich über Ausbeutung beschweren.

Was hat das auf einer christlichen Website zu suchen?

Aus der Sicht der christlichen Kirche sollte ein Gesellschaftssystem immer so aufgebaut sein, daß es die Leute nicht daran hindert, sich mit Glaubensfragen zu beschäftigen. In unserem heutigen Gesellschaftssystem muß aber der Durchschnittsbürger fast alle Zeit und Kraft seines kurzen Lebens für die Arbeit aufwenden, falls er einen gut bezahlten Job hat. Hat er einen schlecht bezahlten Job, dann wird er von seinen Sorgen um das tägliche Brot verzehrt, was noch schlimmer sein kann als die Belastung durch einen gut bezahlten Job. Da die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, besteht die Gesellschaft bald nur noch aus zwei Gruppen:

– die völlig von der Arbeit in Anspruch genommenen Leute

– die von Sorgen verzehrten Leute, die von ihrem niedrigen Lohn kaum Miete und Konsumgüter bezahlen können (wir haben heute zwar niedrige Konsumgüterpreise, aber dieser Vorteil wird aufgehoben durch die hohen Mieten überall)

Unterm Strich ist es egal, ob ich von Sorgen verzehrt werde oder ob ich nur noch mit der Arbeit beschäftigt bin, beides führt dazu, daß ich mich kaum mehr mit Glaubensfragen beschäftigen kann. Aber die Frage nach dem ewigen Heil, nach dem Seelenheil, ist die Frage schlechthin.

Erschwerend kommt noch hinzu, woran aber die Politik wenig ändern kann, daß heute in den Kirchen kaum mehr das reine Evangelium von Jesus Christus gepredigt wird. Gerade heute bräuchte man noch mehr Zeit als früher, um in Glaubensfragen zur Gewißheit zu gelangen, da die Sucharbeit viel größer geworden ist.

Die Politik muß dahingehend wirken, daß der deutsche Durchschnittsbürger wieder eine auskömmliche Arbeit hat bei erträglicher Arbeitsbelastung. Das Motto lautet nicht mehr Arbeitsteilung sondern Arbeit teilen: Innovationen dürfen nicht zu Entlassungen führen, sondern die Zahl der Arbeitsstunden pro Woche muß verringert werden bei vollem Lohnausgleich (die Produktionsmenge und somit der Unternehmergewinn würde dabei ja gleich bleiben durch eben die Innovation). Neue Innovationen könnten also zur Entschleunigung der Gesellschaft eingesetzt werden.

Was bedeutet Arbeit teilen (nicht Arbeitsteilung)?

Eben wenn ein Unternehmer aufgrund einer Innovation (Rationalisierungsmaßnahme)keine Leute entläßt, sondern alle bei weniger Stunden pro Woche und gleichem Lohn wie vorher weiterarbeiten läßt, dann teilen sich sozusagen die Angestellten, die nach einer Entlassung anderer übrig geblieben wären, die Arbeit mit denen, die nicht entlassen wurden. Diejenigen, die nach einer Entlassung übrig geblieben wären und natürlich der Unternehmer verzichten auf eine Einkommenssteigerung, um ihre Kollegen nicht ins berufliche Aus katapultieren zu müssen.

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