Staatssekretär A. Müller-Armack: Der Untergang Deutschlands

Im Jahre 1948 verfasste Prof. Dr. Alfred Müller-Armack das Buch „Das Jahrhundert ohne Gott“, in dem er nicht nur auf den Abfall vom christlichen Glauben, der im 18. Jahrhundert und besonders im 19. Jahrhundert in Deutschland stattgefunden hat, eingeht, sondern sich auch der Hoffnung hingibt (aus der heutigen Sicht wäre man geneigt zu sagen: „der Illusion hingibt“), Deutschland könne von seinem Abfall vom christlichen Glauben wieder genesen. Es muß sich aber mittlerweile (zwischen den Jahren 1948 und 2014) ein neuer Abfall vom Glauben ereignet haben, der, wie ich vermute, wahrscheinlich am Ende der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts stattgefunden haben muß.

Das NS-Regime war eine Folge des Glaubensabfalls im 19. Jahrhundert: Der Mensch ist so „konstruiert“ (veranlagt), daß er nur dann glücklich leben kann, wenn er den unsichtbaren Gott und seinen Christus anbetet. Verwirft er den Glauben an diesen unsichtbaren Gott und seinen Christus (Jesus von Nazareth), muß er sein transzendentes Verlangen zwanghaft auf irdische Götzen (Idole) richten (es gibt definitiv keinen Menschen auf Erden, der nicht irgendetwas anbetet). Die Verherrlichung Hitlers, des Nationalsozialismus, der NSDAP, etc. war eine unmittelbare Folge des Abfalls vom christlichen Glauben. Die abgefallenen Deutschen bildeten den vorbereiteten Boden, auf dem die Saat des Bösen aufgehen konnte. Dies ist eine der Kern-Thesen Müller-Armacks und ich finde das sehr einleuchtend. Gehen wir mal davon aus, Herr Müller-Armack hat recht. Was folgt dann daraus für uns Deutsche heute? Es folgt daraus, daß wir unmittelbar vor einer neuen Diktatur stehen. Warum? Wir haben das Christentum nun zum zweiten Mal verworfen und von daher muß uns Fürchterliches bevorstehen. Vielleicht ist das dann tatsächlich die grauenvolle Herrschaft des Antichristen, der in der Bibel erwähnt wird. Übrigens stützt sich Müller-Armack auf Erkenntnisse, die durch sachlich-nüchterne Wissenschaft gewonnen wurden UNABHÄNGIG von der Bibel. Es ist eine Sensation aller ersten Ranges, daß die Erkenntnis der allgemeinen, ehrlichen Wissenschaft mit dem Befund der Bibel übereinstimmt. Das ist ein Beweis für die Wahrheit der Bibel.

Der erste- und der zweite Weltkrieg waren eine Art Untergang des alten Deutschland und seiner Kultur. Eine rein auf irdische Erfahrungen (Immanenz) fokussierte Kultur mußte zwangsläufig untergehen. Da wir nun wiederum das Diesseits völlig überbetonen und das Jenseits (Transzendente) völlig vernachlässigen, wird es mit absoluter Sicherheit zu einer neuen Katastrophe ähnlich dem Dritten Reich kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Das Ganze muß auch nicht auf Deutschland begrenzt sein, sondern kann sich auf die ganze westliche Welt erstrecken.

Folgender Text stammt aus Müller-Armack’s Buch „Diagnose unserer Gegenwart: zur Bestimmung unseres geistesgeschichtlichen Standorts“ von 1949 und gibt vieles wieder, was man auch in Müller-Armack’s Buch „Das Jahrhundert ohne Gott“ finden kann.

Kapitel 8, Die Position des Glaubens

(von Alfred Müller-Armack; 1949)

Die religiöse Position unserer Zeit wird uns sichtbar, wenn wir die äußeren primitiven und brutalen Entscheidungen (Naziherrschaft; R. B.) die sich vor unser aller Augen vollzogen, zum Ausgang nehmen, um von ihnen erneut tiefer in die Stellung des Glaubens in unserer Zeit vorzudringen. Ob man diese Zeit gläubig oder ungläubig erlebt, sie hat auf jeden Fall im Hinblick auf den Glauben in allem äußeren Geschehen einen geschichtlichen Spruch gefällt, den alle (Hervorhebung; R. B.) hinzunehmen haben, die frei von Illusionen zu leben wünschen. Wir haben aus der Distanz unserer Gegenwart heraus einen Blick auf das Ganze des vergangenen Jahrhunderts gewonnen, und es ist uns viel deutlicher, als das früher möglich war, die Bedeutung der Glaubensauflösung (Abfall vom christlichen Glauben; R. B.) bewußt geworden, welche sich seit dem 18. Jahrhundert in unserer neuzeitlichen Zivilisation vollzieht. Weder der Gläubige noch der Ungläubige kann sich gegenwärtig die soziologischen Gefahren eines solchen Vorganges verbergen. Jahrhundertealte, um nicht zu sagen ewige Bindungskräfte der Kultur gingen verloren, und das, was an die Stelle trat, die Abfolge irdisch orientierter Weltanschauungen, erwies sich, von heute aus gesehen, als eine Illusion. Der Anspruch der fortschrittlichen nationalen, sozialen, weltbürgerlichen und wissenschaftlichen Bewegungen des neunzehnten Jahrhunderts, eine irdische Welt zu begründen, die heiterer, toleranter, ruhiger und spannungsloser sei als die der Vergangenheit, ist inzwischen endgültig zerstört, seit im Zeichen säkularisierter Werte eine Brutalisierung des Menschen um sich griff, die kaum einen geschichtlichen Vergleich findet. An die Stelle der großen religiösen Glaubenssysteme sehen wir eine Abfolge von Privatmetaphysiken und Glaubensidolen treten, die um so verzerrter wirken, je stärker sich an ihnen der Kontrast zwischen endlichen Glaubensinhalten und verabsolutierender Glaubensstrenge zeigt. Der stete Wechsel der Idole, die unausweichliche Enttäuschung und das Primitivwerden im Fortschreiten des Jahrhunderts lassen darüber keinen Zweifel: Die in dem Vorgang der Glaubensauflösung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert geschaffenen Ersatzformen sind heute selbst der Auflösung verfallen. Diese Erfahrung erscheint gegenwärtig endgültig. Sie läßt keine Hoffnung, in einer neuen Zeitidee Schutz finden zu können. Es ist heute nicht diese oder jene Ersatzmetaphysik, etwa nur die Rassentheorie des Nationalsozialismus, getroffen worden, sondern das Prinzip des Ganzen. Die säkularisierte Idolbildung erlebt gegenwärtig ihr Ende und stellt damit sich und die Frage des Glaubens vor eine neue Entscheidung.

Diese gemeinsame Ausgangsposition umschließt gegenwärtig den Menschen des Glaubens wie den Menschen des Nihilismus (Nihilismus ist die Anbetung des reinen Nichts; R. B.). Denn das, was jenem Ergebnis der religiösen Erfahrung ist, daß diese Welt sich nicht in sich zu bewahren vermag, sondern (ohne den Glauben an Jesus, Gottes Sohn; R. B.) dem tiefsten Verfall entgegengeht, ist diesem das Ergebnis einer kritischen Beobachtung des letzten Jahrhunderts (19. Jahrhundert; R. B.). Beide stimmen darin überein, in dem Absturz, der sich durch ein Jahrhundert hindurch vollzieht, eine innere zwingende Entscheidung zu sehen. So steht gegenwärtig der Glaube insofern in einer neuen Position, als die Glaubenslosigkeit, die sich durch Jahrhunderte in tausendfältiger Form als Gegenspieler dies Glaubens in der Geschichte des westlichen Abendlandes betätigte, den Glauben an sich selbst verloren hat und damit endgültig zutiefst getroffen wurde.

Es sind und heut die Grenzen jener kulturellen Bewegung, die sich vom Glauben durch Jahrhunderte fortzubewegen suchte, geradezu schmerzlich sichtbar geworden. An sein Ende gelangt, offenbarte der Säkularismus chaotische Kräfte, die ihn als Ganzes fragwürdig erscheinen lassen, ganz gleichgültig, ob man bereit ist, den Weg zurückzufinden oder nicht. Der Nihilismus wird so zur Position zumindest der konsequentesten Geister. Wir sind weit entfernt, ihn zu schmähen gegenüber denen, die sich die Radikalität des Infragegestelltseins dieser Welt verbergen und meinen, von Idol zu Idol wechselnd, sich ein Stück irdischer Lebenssicherheit retten zu können. Für alle säkularisierte Lebenshaltung muß gegenwärtig der tragische Nihilismus, wie ihn etwa in Deutschland Jaspers, in Frankreich der Existentialismus Sartres verkörpert, als die einzig ehrliche Antwort gelten, die nach allen Enttäuschungen und Entillusionierungen vom innerweltlichen Standort gegeben werden kann. Dieser Nihilismus verkörpert gegenüber dem nationalen Historismus (Überbetonung des Geschichtlichen; R. B.), dem materialistischen Sozialismus und der biologischen Rassetheorie die für unsere Zeit zwingendere Form geschichtlicher Kritik. Zwar will  uns scheinen, als ob in einem Akte tragischer Selbstnegierung dieser Nihilismus in seinen kritischen und in der heutigen Weltlage durchaus berechtigten Spruch gegenüber den Glaubenssurrogaten (Glaubens-Ersätze; R. B.) der jüngsten Vergangenheit sich selbst einzubeziehen hätte, und daß in dieser Negation der Negation, in dieser Selbstaufhebung des Nihilismus das eigenste Anliegen unserer Zeit zu Wort käme, eben dies, aus dem Durchgang durch ein Jahrhundert zunehmender Glaubenslosigkeit in einem vorher kaum geahnten tieferen Sinne wieder zum Ursprung des Glauben vorzudringen.

So ist im Glauben wie in der Glaubenslosigkeit und in den inneren Spannungen des Nihilismus der Glaube zur zentralen Position der Zeit geworden. Auch dort, wo man die Formen des Christlichen ablehnt, wird jedes mutige und der Zeit angemessene Fragen unausweichlich vor das Glaubensproblem gestellt.

Man findet gegenwärtig vielfach die Annahme, daß dieser Nihilismus die Glaubensposition unserer Zeit zwingend ausspricht. Wenn wir den Einfluß auf die Öffentlichkeit als Gradmesser gelten lassen, könnte es fast so scheinen, da besonders im Bereiche der Literatur, in Kunst und Theater die Dokumente dieses Geistes überwiegen. Gleichwohl ist, wie ich glaube, die geistige Entwicklung in Philosophie, Wissenschaft und Kunst diesem Nihilismus der Kulturverzweiflung vorweggeeilt. Wir rühren an das Eigenste unserer Zeit erst dort, wo wir jenseits dieses Nihilismus in neu freigelegte geistige Bezirke vorstoßen. Der gegenwärtig mit einer wahrhaft verführerischen Macht über die Geister, insbesondere von Frankreich aus, hervortretende Nihilismus ist doch im Grunde das letzte radikalste Glied in der Kette der innerweltlichen Metaphysiken, die das neunzehnte Jahrhundert hervorrief, deren gemeinsames Prinzip war, den Menschen auf die Gebundenheit seiner immanenten (auf irdische Erfahrungen begrenzt; R. B.) Welt zu verweisen. Das Erfahrungsprinzip der Naturwissenschaften seit ihrer Begründung durch Bacon war der gemeinsame Grundzug der Ersatzweltanschauungen des neunzehnten Jahrhunderts. Ob man nun den Menschen gebunden sah an die Immanenz seiner geschichtlichen Lage, seines Kulturkreises, seiner Nation, Klasse oder Rasse, oder, wie es der Nihilismus formulierte, an die Immanenz seines Fragens oder seiner Gegenwart, stets vollzieht sich das gleiche;  man grenzt den Menschen ab auf eine Umwelt, in der er nur sich oder einer gottfern gedachten Wirklichkeit begegnet, indem ihm nichts von außen zuströmt, eine Welt , die vom Dunkel des Nichts umgeben ist. So ist der Nihilismus die radikalste Formulierung eines Absturzes, ein Durchgang, dessen Selbstwidersprüche ein Verharren in ihm geradezu unmöglich machen. Wir können die Konsequenz, mit der er eine Entwicklung zu Ende führt, übernehmen,  die Position unserer Zeit selbst ist dem geistigen Medium dieser radikalen Glaubensskepsis längst entrückt. Was wir im äußeren Schicksal erleben, ist so der progressive Verfall der Glaubensauflösung selbst. Sie würde wenig bedeuten, wenn nicht vom Geistigen her sich positive Kräfte regten, die eine neue Hinwendung des Geistes zur Frage der Transzendenz ankündigen. In ihnen, so scheint es uns, dokumentiert sich die innere Position unserer Zeit zum Glauben. Während der Nihilismus und Reste der alten Ersatzmetaphysiken noch im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sind sie als echte geistige Möglichkeiten im Kern unserer Zeit längst überwunden.

Die Position des Glaubens wird in unserer Zeit so im Negativen durch das Zuendesein der Epoche der Glaubensauflösung bestimmt., im Positiven gibt ihr in der geistigen Welt die Hinwendung zur Transzendenz den eigentlichen Inhalt. Diese geht weit über einen Wechsel von Zeitstimmungen und Zeitmoden hinaus, wie er in den vergangen Jahrhunderten von Generation zu Generation eintrat. Was sich vollzieht, ist mehr. Es ist das grundsätzliche Infragestellen jener gegen Glauben und Metaphysik gerichteten empiristischen Wissenschaften, die durch ihren Antagonismus (Feindschaft; R. B.) zum Glauben seit annähernd vier Jahrhunderten den Gang der abendländischen Entwicklung bestimmten. Versuche, die Position des Glaubens durch Belebung der Metaphysik zu sichern, hat es auch in dieser Zeit genug gegeben, aber sie alle waren entweder individuelle Abenteuer oder blieben, wie der Klassizismus, auf das Gebiet des Künstlerischen beschränkt, oder aber sie waren Vorstöße gegen den Gang der Wissenschaft und ihre methodische Disziplin und damit von vornherein verurteilt im Persönlich-Willkürlichen zu enden. Die Neuorientierung der Wissenschaft in Bezug auf den Glauben wächst hingegen aus der Wissenschaftsentwicklung selbst heraus. Sie ist dadurch besonders zwingend, da sie nicht ein gegen den wissenschaftlichen Gedanken gemachtes Ergebnis ist, sondern Ertrag der fortgeschrittensten Forschung selbst (Hervorhebung; R. B.).

Seit zwei bis drei Jahrzehnten vollzieht sich diese Wendung in den verschiedensten Disziplinen. Schon die Übereinstimmung, mit der in den verschiedensten Lebensbereichen die Beziehung unserer Welt zur Transzendenz gleichsam wieder entdeckt wird, hebt diesen Vorgang über die Sphäre des Privaten hinaus in die Dimension der großen geistigen Wendungen, die im Stillen beginnen, denen aber aus der Kraft íhrer Wahrheit nach unserem Dafürhalten die Zukunft gehört.

Es vollzieht sich dieser Wandel der Glaubensposition einmal im Bereich der Religionsphilosophie durch eine Vertiefung der Wesensanalyse des religiösen Aktes, wie wir sie insbesondere Rudolf Otto und Max Scheler verdanken. An die Stelle der aus Gedanken des 19. Jahrhunderts geborenen Verkennung des Glaubensphänomens, das als ein Phänomen der  reinen Gefühle oder als eine Kulturtatsache oder als ein nur ethischer Tatbestand angesehen wurde, trat mit beiden Forschern eine Phänomenologie des Religiösen, in der der religiöse Akt in seiner intentionalen Sinnhaftigkeit dargestellt wurde. Während der evangelische Theologe Otto das Numinose (das Göttliche; R. B.) noch sehr stark als irrationales Mysterium begriff, vollzog Scheler die entscheidende Wendung, indem er die Unersetzlichkeit des religiösen Aktes aus der Besonderheit seiner Intention auf das höchste Sein und aus der Sorge, um das Heil zu wissen, erklärte. Damit war das Religiöse gleichsam als ein dem Menschen in seiner Welt objektiv Begegnendes dargestellt und der gefährliche Irrationalismus der Gefühlstheologie des 19. Jahrhunderts überwunden. Die Forschungen Schelers zur Rangordnung der Werte brachten in gleichem Sinne die Notwendigkeit und Unauflöslichkeit der religiösen und metaphysischen Fragestellung zu Bewußtsein. Gleichzeitig vollzog sich in den verschiedensten Disziplinen eine im Anfang oft erst zögernd und mit großen Vorbehalten eingeleitete Entwicklung, deren Weiterführung einen tiefen Positionswechsel in der Stellung der Wissenschaft zum Glauben bedeutete. Es sei hier nur auf die religionssoziologischen Forschungen Max Webers hingewiesen, der an sich die skeptisch-agnostizistische Glaubenshaltung seiner teilte, aber durch seine religionssoziologischen Forschungen die tiefe Lebensverbundenheit des religiösen Phänomens bis hin zur Formung der wirtschaftlichen und politischen Zustände aufwies und damit eine Epoche wissenschaftlicher Entwicklung einleitete, der an immer mehr Stellen die Wirklichkeit und Wirksamkeit des Religiösen begegnete, nachdem man ein Jahrhundert lang versucht hatte, dessen Bedeutung in eine schmale Schicht des persönlichen Gefühlslebens zurückzudrängen.

In den modernen Naturwissenschaften hat das Fortschreiten der theoretischen Physik erstmalig die Konzeption einer geschlossenen kausalen Gesetzlichkeit ins Wanken gebracht und damit die Bereitschaft und das innere Verständnis, die spezifische Dimension des religiösen Erkennens zu würdigen, erzeugt. So sehen wir, wie gerade führende moderne Naturwissenschaftler wie Planck, Heisenberg, v. Weizsäcker, Pascual Jordan und andere zu einem vertieften Verständnis des Religiösen vordringen. Wie man auch die Dauerhaftigkeit dieser Beziehungen einschätzen mag, auf jeden Fall ist die Zeit des atheistischen Freidenkertums in den Naturwissenschaften radikal überwunden. Auch innerhalb der Medizin ist das Bewußtsein wachgeworden, wie sehr auch bei Fragen der Gesundheit und der Heilung an letzte Probleme des menschlichen Personseins und des religiösen Lebenssinnes gerührt wird.

Dieses Bild einer auf fast allen Gebieten der Wissenschaft sich regenden Hinwendung zum Religiösen wird ergänzt durch ähnliche Tendenzen der Kunst, in der überall die Kräfte auf eine metaphysisch vertiefte Auffassung des Lebens hindrängen. Der Expressionismus, der Surrealismus, die zahlreichen Abwandlungen einer realistischen Metaphysik im neueren amerikanischen Roman und Drama, zeigen auch hier einen Tendenz an, die in vielem ungeklärt ist, die aber doch keinen Zweifel darüber läßt, daß auch hier Kräfte auf der Spur des Metaphysischen sind.

Dies alles ist gewiß noch keine echte Glaubensposition im Sinne des Evangeliums. Es ist diese Wendung zum Teil noch das Ergebnis eines Forschens aus säkularisierter, unbeteiligter Haltung. Aber gerade das verleiht diesem Vorgang auch sein besonderes Gewicht. Im Fortgang der einzelwissenschaftlichen Arbeit stößt unser Forschen, ganz gleichgültig, aus welchem Geiste wir uns dabei betätigen, auf das Phänomen der Transzendenz und dokumentiert darin die Unausschaltbarkeit dieser Lebensschicht, die man seit der Aufklärung zu einem Restphänomen der Kultur hatte machen wollen. Gerade in Fortführung der Konzeption einer weltimmanenten Forschung begegnet man in dieser Welt erneut den Tatbeständen des Glaubens, die damit nicht als metaempirische Tatsachen sich weit aus dieser Welt hinausverweisen lassen, sondern dieser unserer Welt zugrunde liegen, womit die Konzeption einer nur irdischen, immanenten Welt zerschellt.

Dies alles ist gewiß nicht schon eine Wendung im Zentrum des Glaubens selbst. Aber es ist eine Wendung in der erkenntnismäßigen Deutung und Sinngebung des Glaubens, wenn wir darauf verzichten, dem Glaubensbegriff nur einen gefühlsmäßigen Inhalt zu geben, was zweifellos eine Verengung seines Inhaltes unter dem Einfluß insbesondere der Gefühlstheologie des frühen neunzehnten Jahrhunderts ist. Wenn wir dem Glaubensakt gleichzeitig einen erkenntnismäßigen Inhalt mitgeben, so werden wir in diesem Wandel der Wissenschaft eine tiefe Positionsänderung auch in Bezug auf die Inhalte des Glaubens erblicken müssen. Es muß auch für den Glauben sehr viel bedeuten, in eine andere Position zum Wissen versetzt zu sein. Wir können gegenwärtig kaum voll ermessen, was es für unsere geistige Kultur bedeuten wird, daß der bisher zum Grundbestand unseres geistigen Lebens gehörende Antagonismus von Wissen und Glauben in eine wesentlich spannungslosere Konvergenz (Annäherung; R. B.) übergegangen ist.

Der Wandlung unserer wissenschaftlichen Position folgt eine Wandlung in der theologischen Ausdeutung des Glaubensaktes. Die führende Bedeutung, die die allgemeine wissenschaftliche Entwicklung im neunzehnten Jahrhundert für das ganze Geistesleben hatte, trat besonders in der Selbstinterpretation des Glaubens, welche die Theologie bot, zutage. Dem Anspruch der Wissenschaft, eine rationale, kausal geschlossene Erklärung dieser Welt zu geben, entsprach auf der Seite insbesondere der evangelischen Theologie im Gegenbild der Versuch, das Religiöse als Tatsache des Gefühls, ohne jeden eigenen Erkenntnissinn zu werten, oder, unter dem Einfluß des Historismus und des Liberalismus, die Eigenständigkeit des Glaubens zu einer besonderen Form praktischer Sittlichkeit oder zu einer ehrwürdigen Kulturtradition zu machen und darüber die eigentliche Beziehung zum Glauben zu verlieren.

 (Fortsetzung folgt)

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