Auslegung Lukasevangelium, Kap. 8, Verse 40-56; Auferweckung der Tochter des Jairus

40 Als Jesus zurückkam, nahm ihn das Volk auf; denn sie warteten alle auf ihn. 41 Und siehe, da kam ein Mann mit Namen Jaïrus, der ein Vorsteher der Synagoge war, und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen; 42 denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, die lag in den letzten Zügen. Und als er hinging, umdrängte ihn das Volk. 43 Und eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von keinem geheilt werden. 44 Die trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf. 45 Und Jesus fragte: Wer hat mich berührt? Als es aber alle abstritten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. 46 Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist. 47 Als aber die Frau sah, dass es nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war. 48 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden! 49 Als er noch redete, kam einer von den Leuten des Vorstehers der Synagoge und sprach: Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Meister nicht mehr. 50 Als aber Jesus das hörte, antwortete er ihm: Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund! 51 Als er aber in das Haus kam, ließ er niemanden mit hineingehen als Petrus und Johannes und Jakobus und den Vater und die Mutter des Kindes. 52 Sie weinten aber alle und klagten um sie. Er aber sprach: Weint nicht! Sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft. 53 Und sie verlachten ihn, denn sie wussten, dass sie gestorben war. 54 Er aber nahm sie bei der Hand und rief: Kind, steh auf! 55 Und ihr Geist kam wieder und sie stand sogleich auf. Und er befahl, man solle ihr zu essen geben. 56 Und ihre Eltern entsetzten sich. Er aber gebot ihnen, niemandem zu sagen, was geschehen war.

Einleitung

Wie schon gesagt, entstehen durch eine Mission zwei scharf von einander getrennte Lager: Die Christen (Kirche) und die Nicht-Christen (Welt). Gott ist aber mit den Nicht-Christen nicht so schnell am Ende. Er kann ihnen z. B. durch Tod und Krankheit von Angehörigen die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens zeigen, vor Augen führen. Da man stündlich mit dem Tod oder dem Jüngsten Gericht rechnen muß, wenn man es einfach einmal ganz sachlich, nüchtern und realistisch betrachtet, ist allein entscheidend, daß man jederzeit so lebt, daß man vor Jesus Christus stehen kann, wenn man ihm als Richter gegenübertreten muß. Im Augenblick des Todes muß man weltliche Macht, Ehre, Anerkennung und irdische Güter zurücklassen. Die Erinnerung an das sittlich-moralische Verhalten wird aber über den Tod hinaus bestehen bleiben. Also sollte man so leben, daß man sozusagen in guter Erinnerung bleibt bei Gott und bereit sein, weltliche Ehre, Anerkennung, Macht und irdische Güter dafür zu opfern um des guten Gedenkens, Andenkens bei Gott willen.

Lk 21,36 So seid allezeit wach und betet, dass ihr stark werdet, zu entfliehen diesem allen (der Jüngste Tag; R. B.), was geschehen soll, und zu stehen vor dem Menschensohn.

1Thess 5,2 Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. (er kommt unerwartet, überraschend; R. B.)

Hebr 9,27 Und wie den Menschen bestimmt ist, „einmalzu sterben, danach aber das Gericht:

Offb 16,15 Siehe, ich (Jesus; R. B.) komme wie ein Dieb (unerwartet; R. B.). Selig ist, der da wacht und seine Kleider (sein Heil; R. B.) bewahrt, damit er nicht nackt gehe und man seine Blöße (der Mensch nach seiner natürlichen Beschaffenheit; R. B.) sehe.

Wie die Heilung des Dieners des Hauptmannes und die Auferweckung des Sohnes der Witwe gehört auch die Auferweckung der Tochter des Jairus in diesen Zusammenhang. Durch Krankheit und Tod von Angehörigen bzw. nahestehenden Personen möchte Gott die Bürger dieser Welt, jene, die diese Welt allzu liebgewonnen haben, wachrütteln. Sie sollen weniger am Diesseits kleben und dafür mehr an das Jenseits denken.

Völlig missverstanden wäre Jesus jedoch, wollte man ihn für eine Art Wunderheiler halten. Jesus hat überhaupt keine Lust, die Sensationsgier der Welt, des Spießbürgertums, der Massen zu befriedigen – um der Sensationsgier willen tat er keine Wunder. Auch war für ihn die Zeit noch nicht gekommen, irdische Macht auszuüben.

Zwischen der Geschichte der Heilung des Dieners des Hauptmanns, der Geschichte von der Auferweckung des Sohnes der Witwe und der Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus hat Lukas einiges eingefügt, was deutlich machen soll, daß Jesus nicht der Wunderheiler des Spießbürgertums sein wollte, sondern worauf es ihm wirklich ankam:

  • Johannes der Täufer, der im Gefängnis saß, sollte sich „an seiner Gnade genügen lassen“; er (Jesus), der Blinde sehend und Lahme gehend machte, konnte ihn (Johannes) auch im Gefängnis trösten wie auch an jedem anderen Ort dieser Welt; wichtig war nicht primär, ob Johannes frei oder gefangen war, wo er war, sondern daß er Jesus hatte, an ihn glaubte – so konnte er auch im Gefängnis (relativ) glücklich sein und an jedem anderen Ort
  • Jesus übernimmt die Bußpredigt Johannes des Täufers, der ein jüdischer Reformer war, in die christliche Kirche, das heißt nicht nur Juden sollen Buße tun sondern auch Heiden; alles fängt an mit der aufrichtigen, ernsthaften Buße, das gilt sowohl für Juden als auch für Heiden; Johannes machte die Juden gewissermaßen traurig durch seine Bußpredigt, aber auch die Heiden sollten einmal richtig traurig werden über sich selbst
  • Jesus will die geknickten Sünderlein, die aufrichtig nach Besserung streben, wieder fröhlich machen; er selbst wollte ihr Heil sein
  • die Salbung Jesu durch die Sünderin zeigt worauf es ankommt: Die Verbindung mit Jesus; die Sünderin ist vielleicht ein Bild auf die menschliche Seele, die Jesus als ihren Bräutigam begehren soll (siehe Auslegung von Römerbrief, Kapitel 7, Verse 1-6); die Sünderin („unsere Seele“) war durch Johannes‘ Bußpredigt traurig gemacht worden – Jesus aber machte sie wieder fröhlich, indem er ihr das Heil gab; wichtig war, daß sie zu Jesus ging, ihn aufsuchte, glaubte, daß er sie annehmen würde (sie salbte ihn ja schon, bevor er ihr das Heil gab); so sollen heute arme Sünderlein zur wahren Kirche, sie für den Tempel Gottes, den Ort seiner Gegenwart haltend (wodurch sie diesem Haufen ehemals geknickter Sünderlein eine große Ehre antun), gehen im Vertrauen, daß sie dort Heil finden können – das Heil wird dann zugeeignet durch die sakramentale Taufe; der Ort, an dem man heute noch Gott finden kann, ist die wahre christliche Kirche – dort ist er real gegenwärtig
  • die Jünger zogen mit Jesus umher; ihre Gemeinschaft mit ihm war die Verkörperung des Evangeliums, das sichtbare Evangelium; an Jesus glauben, ohne sich sichtbar seiner Kirche anzuschließen, ist undenkbar, vollkommen ausgeschlossen
  • allerdings hat das Christentum einen „kleinen Haken“, was durch das Gleichnis vom Sämann zum Ausdruck kommt; der christliche Glaube soll nicht nur das Sahne-häubchen auf dem perfekten Spießbürgerleben sein, sondern Jesus erhebt einen ganzheitlichen Anspruch auf den Menschen, auf sein Leben; für den wahren Christen ist das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft ein notwendiges Übel, nicht das Absolute und sein Glaube an Jesus ist alles für ihn – “er gebraucht diese Welt nur”; um des Glaubens und der Gemeinschaft der Kirche willen nimmt der Christ Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft in Kauf und erteilt dem Materialismus eine Absage; natürlich sind ihm auch alle Religionen dieser Welt (Islam, Katholi-zismus, Billige-Gnade-Protestantismus, evangelikaler Glaube, etc.) Mist, Dreck und Kot im Vergleich zum wahren Evangelium Gottes von seinem Sohn Jesus Christus
  • für seine Mutter Maria und seine leiblichen Brüder war es eine Zeitlang wahrscheinlich unerträglich, daß er sich sich so wenig mit dem etablierten Judentum arrangierte; dies ging so weit, daß Jesus sogar seine fromme jüdische Mutter Maria und seine frommen, jüdischen, leiblichen Brüder für ungläubig erklären mußte; unmittelbar danach wendet er sich dem besessenen Gerasener zu, der zu der Zeit wahrscheinlich der unbedeu-tendste Mensch in Palästina war; dies um zu zeigen, daß er die Person nicht ansieht; jener Mensch war nicht nur nackt, einsam und besessen sondern sogar ein Heide; „Nun, für Jesus war ein Besessener, der nackt und allein in einer Grabhöhle wohnte, noch dazu ein Heide war, aber demnächst zum wahren Glauben kommen sollte, mehr wert, als seine ungläubige Mutter und seine ungläubigen Brüder (ihr Unglaube bestand darin, daß sie der Verwerfung seitens des etablierten Judentums aus dem Wege gehen wollten) . Ganz demonstrativ begibt sich Jesus zu jenem Menschen, dem Besessenen, außerhalb der jüdischen Gesellschaft, nachdem sonst kein “dummes Arschloch” fragte. Für Jesus spielt die natürliche Herkunft eines Menschen, das Ansehen der Person keine Rolle – er sieht nur auf den Glauben. Da ist Jesus ganz anderes wie wir Menschen. Vielleicht war der Besessene der in den Augen der normalen Leute unbedeutendste Mensch in ganz Palästina, aber Jesus bringt ihm Wertschätzung entgegen wegen seines Glaubens.“

Unter folgenden Links finden Sie eine ausführliche Auslegung des Einschubs zwischen „Heilung des Dieners des Hauptmanns“, „Auferweckung des Sohnes der Witwe“ und der Auferweckung der Tochter des Jairus

Auslegung Lukasevangelium, Kap. 7, Verse 18-35; Jesus ehrt Johannes den Täufer und bestätigt seine Bußpredigt

Auslegung Lukasevangelium, Kap. 7, Verse 36-50; Jesu Salbung durch die Sünderin

Auslegung Lukasevangelium, Kap. 8, Verse 1-18; Jesus und seine liebe Kirche, Gleichnis vom Sämann

Auslegung Lukasevangelium, Kap. 8, Verse 19-39; Jesu wahre Verwandte, Stillung des Sturms, Besessener Geraseners

Hauptteil

Jairus, als ein Vorsteher der Synagoge, war sicherlich ein sehr angesehener Mensch unter den Juden – er hatte es weit gebracht in der jüdischen Gesellschaft. Jairus ist also zunächst ein typischer Vertreter des Spießbürgertums in unserem Zusammenhang – aber Gott hatte dennoch einen Plan für ihn. Sicherlich kannte er sowohl die Bußpredigt des Johannes als auch die Predigt Jesu vom Heil, zögerte jedoch, sich Jesus anzuschließen. Vielleicht war er ein typischer selbstgerechter Jude und verurteilte jene Frau mit dem Blutfluss: Mußte sie nicht sehr schwer gesündigt haben, so dachte Jairus, daß Gott sie mit sooo einer schweren Krankheit schlug? War sie nicht eine verfluchte Sünderin? Aber eigenartig, da starb nicht jene Frau mit dem Blutfluss, sondern seine eigene Tochter – sie konnte doch unmöglich eine verfluchte Sünderin gewesen sein (so dachte Jairus). Warum aber starb sie dann dennoch, erfreute sie sich doch noch der Vollkraft der Jugendzeit? (siehe Anmerkung, unten)

5. Mose 28, 58-59 58 Wenn du nicht darauf hältst, dass du alle Worte dieses Gesetzes tust, die in diesem Buch geschrieben sind, und nicht fürchtest diesen herrlichen und heiligen Namen, den HERRN, deinen Gott, 59 so wird der HERR schrecklich mit dir umgehen und dich und deine Nachkommen schlagen mit großen und anhaltenden Plagen, mit bösen und anhaltenden Krankheiten. (Jairus machte zunächst den Fehler, daß er das nur auf die blutflüssige Frau bezog, nicht aber auch auf sich selbst; siehe An-merkung, unten)

Joh 9,2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? (offensichtlich dachten auch die Jünger in ähnlich negativen Kategorien über einen Blindgeborenen wie Jairus über jene Frau, was nicht verwunderlich ist, denn sie waren ja auch Juden, jüdischen Denkmustern verhaftet, und mußten erst von Jesus lernen, wie man „christlich“ denkt)

Lukas 13, 4-5 4 Oder meint ihr (sagte Jesus; R. B.), dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. (man sollte also beim Unglück anderer nicht nur an deren Schuld denken sondern auch an die eigene)

Natürlich, Gott straft die Sünder, auch mit Krankheiten. Das Problem ist nur, daß wir alle Sünder sind. Die Krankheit eines Mitmenschen erinnert mich also auch an meine eigene Sünde und, wenn ich Christ bin, auch an den Befreier von Sünden, Jesus.

Jairus hätte also bezüglich jener kranken Frau folgenden Standpunkt einnehmen sollen: Krankheiten sind in der Welt, weil sich der Mensch in einem tiefen Abfall von Gott, der das Leben ist, befindet. Zerstörende Mächte haben in dieser Welt Gewalt gewonnen. Diese Frau brauchte also Vergebung ihrer Sünden wie alle Menschen. Ihre Sünde, ihre Trennung von Gott war die tiefste Ursache ihrer Krankheit. Das Problem der Sünde mußte behoben werden.

Der bekannte und treue Christ Dietrich Bonhoeffer sah einmal inmitten einer idyllischen Umgebung ein gelähmtes Kind im Rollstuhl und hatte dazu folgende Gedanken (das gelähmte Kind im Rollstuhl mußte ihn nachdenklich stimmen trotz der frohen Natur):

„Mitten in der herrlichen frohen Natur sehen wir, wie ein gelähmtes Kind im Rollstuhl gefahren wird. Wer noch ein Herz hat, das nicht völlig stumpf geworden ist für den Nächsten, dem wird es im Augenblick klar, daß hier etwas in unserer Welt nicht in Ordnung ist, daß die Welt, in der dieses Bild der Qual und der Trauer möglich ist, nicht die ursprüngliche Schöpfung Gottes ist. Hier ist etwas Widergöttliches in die Welt eingebrochen. Die Welt ist von ihrem Ursprung abgefallen. Zerstörende Mächte haben in ihr Gewalt gewonnen.

Nur in einer gott-los gewordenen Welt gibt es Krankheit. Weil die Welt an Gott selbst krankt, darum gibt es kranke Menschen. Nur eine Welt, die wieder ganz in Gott geborgen wäre, eine erlöste Welt, würde ohne Krankheit sein. In der Bibel begegnet uns ein seltsames Wort: “Und er suchte auch in seiner Krankheit den Herrn nicht, sondern die Ärzte” (2. Chron. 16, 12). Es handelt sich dort um einen frommen Mann, dem die Bibel sonst hohes Lob zollt für seinen Eifer um die Sache Gottes. Aber dieser Mann dachte bei aller Frömmigkeit darin sehr modern, daß er streng unterschied zwischen den Dingen der Religion, in denen man sich an Gott wendet, und den irdischen Dingen, in denen man sich bei bei irdischen Stellen Hilfe holt. Krankheiten, besonders leibliche Krankheiten sind irdische Angelegenheiten mit irdischen Ursachen und irdischen Heilmitteln. Krankheiten gehören also vor den Arzt, aber nicht vor Gott. Wie dürfte man auch Gott, den Herrn der Welt, mit seinen kleinen leiblichen Übeln belästigen? Gott hat andere Sorgen.

Das ist ganz vernünftig und vielleicht auch religiös gedacht. Aber es ist falsch. Gewiß haben Krankheiten ihre irdischen Ursachen und irdischen Heilmittel. Aber damit ist eben bei weitem nicht alles und nicht das Entscheidende über das Wesen der Krankheit gesagt. Gewiß soll der Kranke zum Arzt gehen und dort Hilfe suchen. Aber das Wichtigste ist damit allein nicht getan und nicht erkannt. Hinter den irdischen Ursachen und und Heilmitteln stehen die überirdischen Ursachen und die überirdischen Heilmittel der Krankheit. Solange man daran vorbeigeht, lebt man in Wahrheit an seiner eigenen Krankheit vorbei, bekommt man ihr Wesen gar nicht zu Gesicht. Ihr Fluch und Segen bleiben unerkannt.

Die Krankheit gehört in besonderer Weise zu Gott. Nicht daraus macht die Bibel dem Menschen einen Vorwurfe, daß er mit seiner Krankheit zum Arzt geht, sondern daraus, daß er mit ihr nicht auch zu Gott geht. Es ist kein Zufall, daß Christus in auffallender Nähe zu den Kranken gelebt hat, daß Blinde, Gelähmte, Taubstumme, Aussätzige, Geisteskranke sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlten und seine Gemeinschaft suchten. Warum hat Christus diese Leute nicht zum Arzt geschickt? Gewiß nicht, um dem Ansehen der Ärzte zu schaden oder um seine eigene besondere Kunst oder suggestive Kraft zur Schau zu stellen, sondern um es deutlich werden zu lassen, daß Gott und Krankheit, daß Christus und die Kranken ganz eng zusammen gehören.

Christus will der wahre Arzt der Kranken sein. “Ich bin der Herr, dein Arzt”(2. Mose 15, 26). Das sagt Gott, das sagt Christus. Der Schöpfer und Erlöser der Welt bietet sich dem Kranken zum Arzt an. Wollen wir dieses Angebot unversucht lassen, nachdem wir auf so viele, geringere Angebote mit mehr oder weniger Erfolg eingegangen sind?

Wer den Zusammenhang von Gott und Krankheit nur ahnt, wer das unerwartete Angebot ernst nimmt, dem kann die Krankheit zum Hinweis werden auf die Sünde der Menschen, auf die Zerstörung der Gemeinschaft der Geschöpfe mit dem Schöpfer. Hier liegen die überirdischen Gründe und Abgründe der Krankheit. Es ist die Sünde der Welt und es ist meine eigene Sünde, an die ich erinnert werde. Meine Krankheit braucht nicht einfach eine Folge oder Strafe einer bestimmten Sünde zu sein, deren ich mich anzuklagen hätte, auch dies mag der Fall sein, es ist aber nicht notwendig so. Doch will mich jede Krankheit in die Tiefe der Weltsünde und meiner persönlichen Gott-losigkeit hineinblicken lassen. Dieser Blick aber treibt mich zu Gott. Wenn ich in den Abgrund geschaut habe, erbitte ich nicht zuerst die Befreiung von diesem oder jenen Leiden, sondern ich komme mit dem Bekenntnis meiner lange verborgenen Schuld vor Gottes Angesicht. Die leibliche Krankheit will mich erkennen lehren, daß meine eigentliche Krankheit viel tiefer steckt, so tief, daß kein irdischer Arzt sie heilen kann, weil meine eigentliche Krankheit meine Sünde ist. Nicht nur mein Leib, meine Nerven, mein Gemüt ist krank, sondern mein ganzes Wesen, mein Herz ist krank, krank am Unglauben, an der Angst, an der Gottlosigkeit meines Lebens. Und welcher Gesunde litte nicht auch an dieser heimlichsten und zugleich unheimlichsten Krankheit?

Nun weiß ich, daß mir geholfen werden kann, wenn mein ganzes Wesen heil, gesund, neu wird. Wie kann dies geschehen? Die Antwort ist ganz einfach und geht doch in die letzte Tiefe unseres Lebens: durch echte Beichte und durch göttliche Vergebung aller meiner Sünden. Das mag manchem als eine seltsame Wendung und Lösung dieser Frage erscheinen, aber doch nur dem, der das Heilwerden des ganzen Menschen durch Beichte und Vergebung noch nicht erfahren hat. Was heißt Beichte? Sich Jesus Christus mit allen seinen Sünden, Schwächen, Lastern, Leiden öffnen und ihm auf sein Wort hin das ganze Herz geben ohne den geringsten Vorbehalt. Das ist keine leichte Sache und es mag uns schwerer vorkommen als eine gefährliche Operation. Es wird wohl so sein, daß die meisten von uns hierzu einen brüderlichen Helfer brauchen, der uns in solcher Lebensbeichte beisteht, sei es nun der im geistlichen Amt dienende Pfarrer, sei es irgendein Glied der Gemeinde, das von Christus mehr weiß als ich. Was heißt Vergebung? Auslöschung meiner ganzen heillosen, verfahrenen, gescheiterten Vergangenheit (von der vielleicht nur ich selbst weiß) durch Gottes Machtwort und durch das Geschenk eines neuen, fröhlichen Anfangs meines Lebens.

Wer kann mir einen solchen neuen Anfang schenken? Niemand anders als allein der gekreuzigte und lebendige Jesus Christus, der selbst die Heillosigkeit des Lebens an sich erfuhr und sie überwunden hat in der Gemeinschaft Gottes. Es ist der einzige Arzt, der meine tiefste Krankheit kennt, der sie selbst getragen hat. Er ist der “Heiland”, der Herz, Seele und Leib heilen kann.

Was aber hat Vergebung der Sünden mit leiblicher Gesundung zu tun? Mehr als die meisten Menschen ahnen. Freilich ist es ein geheimnisvoller Zusammenhang. Aber ist nicht wenigstens so viel begreiflich, daß von einem Menschen, der in seinem Herzen wieder frei und fröhlich geworden ist, so manche körperliche Beschwerde einfach abfällt? Der Leib wird vielfach allein darum krank, weil er sich selbst überlassen ist, weil er sein eigener Herr geworden ist. Nun aber hat der Leib seinen rechten Herrn wiederbekommen, der ihn regiert. Der Leib ist nicht mehr der Herr. Er ist nur noch Werkzeug, ja mehr als dies, “Tempel des Heiligen Geistes” geworden. Es gibt viele Leiden, die von dem empfangenen Zuspruch der Vergebung nicht sichtbar gelindert und beseitigt werden. Aber der verborgene Zusammenhang von Vergebung und leiblicher Gesundung kann auch so sichtbar zu Tage treten, daß alle medizinischen Begriffe gesprengt werden und die Ärzte vor einem Rätsel stehen. Eines ist gewiß: Wie der Unglaube eine Quelle der Zerstörung und der Krankheit des Leibes und der Seele ist, so ist der Glaube eine Quelle aller Heilung un der Gesundung.

Wenn Christus sich den Arzt der Kranken nennt, dann fällt auf jeden Kranken, wie elend er auch sei, der Glanz der göttlichen Barmherzigkeit. Der Kranke gehört Gott. An ihm will Gott sein Heil verwirklichen. So begegnen wir in dem kranken Bruder der Barmherzigkeit Gottes selbst, der in Jesus Christus der Arzt der Kranken ist. Der Kranke will Heilung. Christus schenkt ihm mehr: sein Heil.

Ende von Bonhoeffer’s Text.

Eigenartig auch, daß Jairus‘ Tochter zwölf Jahre alt war, als sie starb, und die Frau zwölf Jahre den Blutfluss hatte. War es vielleicht so, daß eben seit ungefähr zwölf Jahren Jairus jene Frau verurteilte, richtete wegen ihrer Krankheit, statt ihr einen Erlöser zu verkünden, der sie seelisch und körperlich heilen konnte? Und nach zwölf Jahren nahm Gott ihm seine Tochter, in die er vielleicht die aller größten Hoffnungen gesetzt hatte. Der Fluch scheint gleichsam ihn selbst getroffen zu haben.

Jene Frau war tatsächlich eine Sünderin, da hatte Jairus recht, denn sie legte vor Jesus die Beichte ab, wie  uns Markus berichtet. Jesus aber richtet sie im Gegensatz zu Jairus nicht, sondern gibt ihr das Heil.

Mk 5,33 Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

Wie Bonhoeffer in seinem Text sagt, ist Krankheit Fluch und Segen zugleich. Wenn der Mensch zugibt, daß Krankheit etwas mit seiner persönlichen Sünde zu tun hat, daß er tatsächlich des Fluches und nicht des Segens würdig ist, was seine natürliche Beschaf-fenheit angeht, dann ist er dem Segen schon ganz nahe und der Fluch kann sich in Segen wandeln, wenn er sich von Jesus heilen läßt, an Seele und Leib.

Die Frage, wer ihn angerührt hätte, stellte Jesus nur um der Jünger und um unsertwillen, denn er wußte selbstverständlich im Moment der Berührung und schon vorher, wer sie war, die ihn angerührt hatte. Die Jünger verstanden Jesu Frage zunächst überhaupt nicht, denn sie meinten, es gehe ihm um eine rein körperliche Berührung – und wie konnte er diese (überflüssige; in den Augen der Jünger) Frage stellen, wo ihn doch eine ganze Volksmenge drängte, er mitten im Gedränge war? Aber jene Berührung war sakral, denn jene Frau hatte eine ganz bestimmte Gesinnung, als sie Jesus berührte. Jene Frau, die sicherlich schon angesprochen worden war durch die Bußpredigt des Johannes, wußte und glaubte, daß Jesus das personifizierte Heil Gottes war. Sie wußte und glaubte: Hier war mehr als das, was man sah, als des Zimmermann’s Sohn aus Nazareth – hier war der Christus Gottes. Sie wollte sich sittlich-moralisch bessern, mit allem Ernst, seit sie Johannes‘ Predigt gehört hatte, aber da stellte sich ihr ihre natürliche Sündhaftigkeit, die wir alle von Adam geerbt haben, immer wieder in den Weg. Auch sie brauchte wie wir alle eine Kraft von außen, um ihre innewohnende Sünde zu überwinden.

Wie können wir heute noch Jesus „sakral“ berühren?

Nun, dies macht die sakramentale Taufe einschließlich Kindertaufe. Wir empfangen diese Taufe richtig oder unsere Kindertaufe wird uns dann nützlich, wenn wir Buße tun und glauben, daß uns Jesus Heil geben kann. Jeder, der Buße getan hat und ernsthaft nach sittlich-moralischer Besserung strebt, bemerkt, wie ihm seine sündige Natur im Wege steht – er erkennt, daß er Heil von außen braucht. Dieses Heil wird uns zugeeignet durch die sakramentale Taufe. Durch die Taufe sterben und auferstehen wir zusammen mit Jesus, der für uns starb und auferstand. Nach der Taufe sind wir der Sünde abgestorben und in Christus. Durch diese zwei Heilstatsachen können wir unsere natürliche Sündhaftigkeit überwinden. Durch die Taufe sind wir zwar als Gesamtperson der Sünde abgestorben, die Sünde wurde entthront, aber unser Leib will weiter seinen alten Gewohnheiten nachgehen. Unsere Verantwortung ist es, täglich Christus in uns mehr Raum zu geben und nicht unseren alten Gewohnheiten zu folgen. Wir haben sozusagen ein doppeltes Heil: Die Sünde ist entthront, wir sind der Sünde abgestorben, und Christus ist in uns, ein neues Leben. Laden wir Jesus täglich ein, unser Denken, Tun und Handeln  zu bestimmen, unser Leben zu sein, wie er es durch die Taufe grundsätzlich schon ist.

Aber auch Jairus erlebte eine sakrale Berührung, indem Jesus zu ihm sprach: „Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund! “ und indem Jesus seine Tochter tatsächlich auferweckte: „Kind, steh auf!“

Jairus ließ sich durch die tödliche Krankheit seiner Tochter im Zusammenhang mit der Begebenheit mit blutflüssigen Frau erziehen: Auch er, seine Tochter, ja seine ganze Familie waren offensichtlich arme kleine Sünderlein, die des Heiles in Christus bedurften. Jairus und seine ganze Familie werden dieses Heiles tatsächlich und sichtbar teilhaftig, indem Jesus des Jairus‘ Tochter wieder lebendig macht.

Ein Mensch mag heute von einem Evangelikalen die Botschaft hören: „Jesus liebt dich“, aber deswegen hat er das Heil noch lange nicht, selbst wenn er diese Botschaft glaubt. Jairus hatte sicherlich auch von anderen Juden, vielleicht von Judenchristen gehört, daß Jesus Sünden vergeben und heilen konnte; aber das Heil empfing er erst, als er Jesus zu sich ins Haus rief. Dies würde heute bedeuten, daß ein Mensch, der das Evangelium gehört hat, egal von wem, sich sakramental taufen läßt bzw. sich auf seine sakramentale Kindertaufe bezieht, falls er schon als Kind getauft wurde. Durch die Taufe wird Christus in uns wirklich lebendig, ein wirklicher Sohn wird (in) uns geboren, genauso wie die Tochter des Jairus lebendig wurde. Durch die Taufe zieht Leben bei uns ein wie in das Haus des Jairus.

Übrigens sind die Evangelikalen aus der christlichen Kirche ausgeschlossen, sie sind verflucht, weil sie die sakramentale Taufe verwerfen: Sie sagen zwar: „Jesus liebt dich“, haben aber diese Liebe nie wirklich erfahren, was nur durch die sakramentale Taufe geschehen könnte, die sie ablehnen. Die Evangelikalen betrachten ihre eigene Taufe als rein symbolischen Akt, Akt des Gehorsams und öffentliches Bekenntnis des Glaubens. Für sie hat die Wiedergeburt nichts mit der Taufe zu tun sondern ist ein obskures Ereignis, das irgendwann im Mensch stattfindet, das sie auch nicht genau definieren können. Im Gegensatz dazu ist für die christliche Kirche die sakramentale Taufe die Neue Geburt aus Wasser und Geist, wie Christus in Johannes 3 gesagt hat. Durch die Taufe wird Christus in uns lebendig, ein Sohn wird uns geboren, wir werden von neuem geboren.

Als Jairus‘ Tochter sterbenskrank wurde, dachte er vielleicht an jenen Vers und kam so dem Heil näher:

Anmerkung:

5Mo 28,18 Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes (Kinder; R. B.), der Ertrag deines Ackers, das Jungvieh deiner Rinder und Schafe. (wenn du nicht gehorchen wirst der Stimme des Herrn, deines Gottes, und wirst nicht halten und tun alle seine Gebote und Rechte, die ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen: …)

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